Hebammen-Protest "Viel zu wenig Geld"

Selten hat ein Berufsstand so erfolgreich seine Probleme zum Thema der Politik gemacht, wie die 5000 Hebammen, die freiberuflich Geburten betreuen. Und doch sehen sich aber noch längst nicht am Ziel. Eine Hebamme über Abhängigkeiten, finanzielle Sorgen und Risiken für Gebärende.

Interview von Nina von Hardenberg

Von den Hebammen kann man lernen, wie Lobbyarbeit funktioniert. Selten hat ein Berufsstand so erfolgreich seine Probleme zum Thema der Politik gemacht, wie die 5000 Hebammen, die freiberuflich Geburten betreuen. Diese Frauen ächzen unter steigenden Haftpflicht-Prämien. Die Regierung beschloss nun, dass die Kassen diese Kosten übernehmen sollen. Die Hebammen protestieren trotzdem weiter. Die SZ sprach mit Katharina Jeschke vom Deutschen Hebammenverband.

SZ: Frau Jeschke, Glückwunsch! Die Krankenkassen werden künftig die Haftpflichtkosten der Hebammen vollumfänglich ausgleichen. Zufrieden?

Katharina Jeschke: Das kann ich noch nicht sagen. Laut Gesetz mussten sie das bislang auch schon. Gezahlt wurde trotzdem zu wenig. Gerade haben wir eine Verhandlungsrunde für gescheitert erklärt . . .

Weil Ihnen der Haftpflicht-Zuschlag nicht reicht?

Ja, die Kassen haben für Freiberuflerinnen, die im Schichtdienst in Kliniken arbeiten, fünf Euro mehr pro Geburt geboten. Die Versicherungskosten steigen aber um mehr als 800 Euro. Dafür ist das viel zu wenig Geld.

Das kommt darauf an, wie viele Geburten eine Hebamme betreut. Ab 160 im Jahr würde sie mit dem Zuschlag sogar Gewinn machen.

Das ist aber die absolute Ausnahme und passiert höchstens in großen Häusern mit 2000 bis 3000 Geburten im Jahr. Wer in kleineren Kliniken arbeitet oder bewusst weniger Frauen betreut, um sich für jede Zeit zu nehmen, zahlt drauf.

Einen kleinen Anreiz, mehr Geburten zu begleiten, muss es aber doch geben. Schließlich wünscht man sich doch auch als Frau eine erfahrene Hebamme, die nicht nur zehn Geburten im Jahr macht.

Wissenschaftlich ist nicht belegt, dass Hebammen mit wenigen Geburten mehr Fehler machen.

Das sagt einem aber doch der gesunde Menschenverstand . . .

Der basiert aber eben auf einer gefühlten Gefahr, nicht auf einer realen. Notfallsituationen sind so selten, dass auch Hebammen mit vielen Geburten sie nicht ständig erleben. Wichtig ist darum, dass die Hebammen immer wieder an Notfall-Trainings teilnehmen. Das tun sie auch.

Die allermeisten Hebammen in der Geburtshilfe sind fest angestellt. Dann trägt die Klinik das Risiko. Warum hängen einige an der Freiberuflichkeit?

Einzelne Hebammen wurden zuletzt dazu gedrängt, weil Geburtsstationen geschlossen haben. Aber die meisten Freiberuflerinnen haben sich bewusst dafür entschieden, weil sie die Frauen so am besten betreuen können. Sie sind dann nicht den Sparzwängen einer Klinik unterworfen, können sich Zeit nehmen und auch mal eine Frau weiterschicken, wenn ihre Station überlastet ist.

Solche Beleg-Hebammen sind sehr beliebt, besonders jene, die in 1:1 Betreuung die Frauen in die Klinik begleiten. Die Charité hat für ihre elf Beleg-Hebammen die Haftpflicht übernommen. Wäre das ein Modell für Deutschland?

Nein, denn das macht die Hebammen abhängig. Sie haben aber den gesetzlichen Anspruch, freiberuflich arbeiten zu können und das bezahlt zu bekommen.

Wobei wir wieder bei der Klage wären. Müssen Sie nicht langsam aufpassen, dass Sie nicht - ähnlich wie die Ärzte - Ihren Berufsstand zu schlechtreden?

Die Gefahr sehe ich nicht. Es wollen immer noch sehr viele Frauen Hebammen werden. Es ist einfach wichtig auf Missstände hinzuweisen, bis sie sich verbessert haben.