Globale Ernährung Nie waren die Menschen dicker als heute

Die Menschen werden immer dicker.

(Foto: dpa)
  • Erstmals leben weltweit mehr übergewichtige als untergewichtige Menschen.
  • Bis zum Jahr 2025 könnten mehr als eine Milliarde Menschen fettleibig sein.
  • Die soziale Ungerechtigkeit verstärkt Über- und Unterernährung.
Von Felix Hütten

Die Menschheit wird immer fetter. Keine überraschende Nachricht, könnte man meinen. Doch das, was britische Forscher in einer aktuellen Studie herausgefunden haben, ist bedeutsam für die globale Gesundheitsforschung: Erstmals auf der Welt leben mehr fettleibige als untergewichtige Menschen.

Laut der Studie, veröffentlicht im Fachmagazin The Lancet, sind heute mehr als 640 Millionen Erwachsene adipös, das sind 13 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung. Sollte sich an der gegenwärtigen Lebens- und Ernährungsweise nichts ändern, könnten es im Jahr 2025 über 1,1 Milliarden sein.

In der Untersuchung hat ein Team um Majid Ezzati vom Imperial College London Daten aus knapp 1700 Studien mit insgesamt 19 Millionen Erwachsenen aus 186 Ländern ausgewertet. Nach den Berechnungen der Forscher leiden heute 375 Millionen Frauen und 266 Millionen Männer unter Fettleibigkeit. 1975 waren es gerade einmal 105 Millionen Menschen. Besonders in den englischsprachigen Ländern der Welt - USA, Australien, Kanada, Irland, Neuseeland, Großbritannien - ernähren sich Menschen zunehmend ungesund. In diesen Ländern leben gut ein Fünftel aller Übergewichtigen.

Liegt der Index bei über 30, gilt ein Mensch als fettleibig

Grundlage der Untersuchung ist der umstrittene Body-Mass-Index (BMI), bei dem Körpergröße und Gewicht ins Verhältnis gesetzt werden. Kritiker bemängeln, dass der BMI nicht immer eine verlässliche Aussage über Fettleibigkeit machen kann, da er zu wenig auf individuelle Unterschiede von Menschen eingeht. So ermittelt der BMI bei besonders kleinen oder großen Menschen oftmals falsche Angaben.

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Doch trotz der Kritik ist der BMI weiterhin ein wichtiges Kriterium der Gesundheitsforschung. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt ein Mensch, dessen Body-Mass-Index den Wert von 25 übersteigt, als übergewichtig. Liegt dieser Index bei über 30, gilt ein Mensch als fettleibig. Ernährungswissenschaftler führen Übergewicht und Fettleibigkeit in den Industriestaaten auf fettiges und zu süßes Essen zurück - verbunden mit zu wenig Sport. Übergewicht gilt als Risikofaktor unter anderem für Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und bestimmte Arten von Krebs.

Die Ungleichheit beim Gewicht nimmt zu

Obwohl die Gefahren durch Übergewicht zunehmen, haben immer noch sehr viele Menschen zu wenig zu essen. Genauso wie die Schere zwischen arm und reich weltweit auseinandergeht, steigt auch die Ungleichheit beim Gewicht, schreibt der britische Gesundheitswissenschaftler George Davey Smith in einem Begleitkommentar zu der aktuellen Studie. In besonders armen Ländern leiden noch immer Millionen Menschen Hunger, das Wachstum von Kindern ist durch Mangelernährung gestört. Laut dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist die Zahl der Hungernden seit 1990 zwar um 216 Millionen zurückgegangen, obwohl die Weltbevölkerung seitdem gewachsen ist. Doch noch immer haben etwa 800 Millionen Menschen auf der Welt nicht genug zu essen.

Auch beim Übergewicht zeigt sich soziale Ungerechtigkeit: In den reichen Industrienationen sind vor allem arme Menschen fettleibig. Smith warnt vor falschen Antworten auf das weltweite Problem: Die Konzentration der Staatengemeinschaft auf den Kampf gegen das Übergewicht könnte dazu führen, dass der Kampf gegen den Hunger vernachlässigt wird. Arme und unterernährte Menschen könnten noch stärker leiden. Ernährungspolitik müsse aber alle Menschen erreichen - auch diejenigen, die weiterhin hungern.

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