Gesundheitsrisiko Körperfett Wo der Speck sitzt

Britische Wissenschaftler wollen mit einer neuen Studie beweisen: Das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall ist nicht davon abhängig, wo die überschüssigen Pfunde am Körper sitzen.

Von Katrin Blawat

Eine aktuelle Studie stellt in Frage, ob die oft gemachte Unterscheidung zwischen "gutem" und "bösem" Körperfett gerechtfertigt ist (Lancet, online). Mehrere frühere Untersuchungen hatten ergeben, dass Bauchfett das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöht, während dicke Hüften und Oberschenkel das Risiko nicht beeinflussen oder sogar senken könnten. Im Gegensatz dazu ziehen die Autoren der neuen Studie den Schluss, dass die Verteilung des Körperfetts nichts darüber aussagt, wie gefährdet ein Mensch ist, an Herzproblemen zu leiden oder zu sterben.

Der BMI (Body-Mass-Index) eignet sich laut der neuen Studie aus Cambridge, Übergewicht sowie die sich daraus ergebenden Gesundheitsrisiken zu ermitteln.

(Foto: dpa)

Die Autoren, die einer internationalen Forschungsgruppe mit 200 Wissenschaftlern unter der Leitung der University of Cambridge angehören, werteten 58 einzelne Studien mit insgesamt mehr als 220000 erwachsenen Probanden aus. Keiner der Teilnehmer litt vor Studienbeginn unter Herzproblemen. Zu Beginn der Beobachtungszeit, die sich auf bis zu zehn Jahre erstreckte, ermittelten die Wissenschaftler bei jedem Probanden mehrere Messwerte: den Body-Mass-Index (BMI), den Taillenumfang sowie das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang (WHR, für "waist-to-hip ratio"). Anders als der BMI zeigt das WHR, wie sich das Fett über den Körper verteilt.

In den Jahren nach Studienbeginn entwickelten etwa 14300 Probanden ein Herzleiden, knapp 3500 von ihnen starben daran. Nachdem sie die anfangs gemessenen Parameter mit den Krankheits- und Todesfällen verglichen haben, kommen die Forscher zu dem Schluss: "Der BMI, der Taillenumfang und das Verhältnis von Taillen- zu Hüftumfang sind alle in ähnlichem Maße mit dem Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten assoziiert." Ähnlich verhalte es sich bei den Risiken für Schlaganfälle und Erkrankungen der Herzkranzgefäße. Daher eigne sich der BMI, der sich aus Größe und Gewicht berechnet, um Übergewicht sowie die sich daraus ergebenden Gesundheitsrisiken zu ermitteln.

Harald Schneider, Endokrinologe an der Universität München, will sich dieser Einschätzung aber nicht anschließen. In Schneiders eigener Studie im vergangenen Jahr schnitt der BMI als Messgröße zur Bewertung des Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos schlecht ab. Zu den Schlussfolgerungen, die seine Kollegen in der aktuellen Studie ziehen, sagt er: "Wenn man sich die Daten genau anschaut, entdeckt man doch einige Unterschiede zwischen den verschiedenen Parametern."

Diese Unterschiede sind zwar gering, in den meisten Fällen aber statistisch signifikant. In solchen Fällen ist es eher unüblich, die Unterschiede in den gemessenen Daten zu ignorieren. "Möglicherweise enthält die Arbeit auch methodische Ungenauigkeiten, die entstehen, wenn man viele einzelne Studien in einer Auswertung zusammenpackt", sagt Schneider. Für Leute mit extremem Übergewicht spiele es vielleicht keine Rolle, ob man ihren BMI oder WHR messe. Doch nach wie vor gelte: "Ein Mensch mit niedrigem BMI und dickem Bauch kann dennoch gefährdet sein", sagt der Endokrinologe. Umgekehrt hätten schlanke und sportliche Menschen oft einen BMI, der fälschlicherweise ein erhöhtes Risiko anzeige.