Gesundheitsforschung in Deutschland Warum wir mehr Public Health brauchen

Zersplittert und international kaum präsent, obwohl immer mehr Gesundheitsprobleme global gelöst werden müssen: Die deutsche Gesundheitsforschung ist in die Kritik geraten. Zu recht?

Ein Gastbeitrag von Jacqueline Nordhorn

Public Health. Klingt wie Public Viewing, nur weniger spannend. Aber mal ehrlich, "Gesundheit der Bevölkerung" - das klingt noch langweiliger. Public Health ist die wissenschaftliche Disziplin, die alles untersucht, was einen Einfluss auf die Gesundheit haben kann. Angefangen mit den sozialen Bedingungen, über die Umwelt, Ernährung, Bildung bis hin zum Lebensstil. Wir sind die, die Ihnen das Rauchen verbieten. Das macht uns vielleicht nicht beliebt, sorgt aber dafür, dass Sie weniger schnell Lungenkrebs und Herz-Kreislauferkrankungen bekommen, Ihre Kinder geschützt sind und Sie mit 40 nicht aussehen wie mit 50.

Während die Medizin bei chronischen Erkrankungen meist nur Schadensbegrenzung betreiben kann, beugt Public Health vor. So verbuchen wir gerne die Erfolge im Rückgang von Infektions- oder Herz-Kreislauferkrankungen für uns. Zumindest einen großen Teil davon.

Vor kurzem haben die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die acatech Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften eine Stellungnahme zu Public Health herausgegeben. Sie stellen fest, dass Public Health in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern hinterherhinkt und zu fragmentiert ist.

Fragmentiert, ein anderes Wort für zerstritten, uneinig, zu wenig kooperativ, räumlich verstreut. Stimmt das? Ja. Wir haben alle kleine Königreiche und die geben wir nur ungern auf. Kleine Fachgesellschaften sind erfahrungsgemäß eher zerstritten als größere. Vermutlich, weil man sich besser kennt. Public Health ist außerdem ein interdisziplinäres Fach. Ein Beispiel: die Übergewichtsepidemie. Es macht Sinn, dass hier Ernährungsexperten, Psychologen, Anthropologen, Soziologen und Mediziner zusammenarbeiten. Allerdings sprechen sie selten eine Sprache. Und oft genug nicht miteinander.

Eltern erleben einen Präventions-Overkill

Die Stellungnahme der Akademien enthält viele wichtige Punkte, wie zum Beispiel die vorgeschlagene stärkere Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen Gesundheitsdienst und Public Health an Forschungs- und Lehreinrichtungen.

Eine weitere wichtige Forderung ist die Bewertung von allem, was im Namen von Public Health getan wird. Dies ist sinnvoll: Man denke nur an den Präventions-Overkill an Schulen und selbst in Kitas. Diese Initiative zur gesunden Ernährung oder jene zu sportlichen Aktivitäten - die Kinder und Eltern können sich vor Ratschlägen kaum retten. Aber gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht. Wirklich wissenschaftlich belegt sind solche Kampagnen selten.

Wenig untersucht ist auch der Schaden, den sie möglicherweise anrichten. Was ist, wenn sich ein leicht übergewichtiges Kind nun stigmatisiert fühlt? Soziale Ausgrenzung kann Stress erhöhen, den Cortisol-Spiegel ansteigen lassen. Am Ende isst das Kind womöglich mehr, um sich zu beruhigen. Alleine eine Einteilung und Selbst-Wahrnehmung als "übergewichtig" kann schon dazu führen, dass Kinder später tatsächlich übergewichtig werden. Hier ist mehr Forschung erforderlich. Und weniger Initiativen, diese aber wissenschaftlich untermauert.

Kann sich Deutschland die Finanzierung besserer Strukturen für Public Health leisten? Ja. Deutschland muss sich sogar mehr Public Health leisten, um die aktuellen Herausforderungen - eine immer älter werdende Gesellschaft, die Kosten innovativer Technologien und neue Epidemien - zu bewältigen. Und woher soll das Geld kommen? Einsparungen sind möglich. Braucht es die x-te Herzkatheteruntersuchung wirklich, die eine ältere Dame bekommt, obwohl es ihr vor allem an sozialer Ansprache fehlt? Kosten für überflüssige Untersuchungen und Behandlungen lassen sich gut einsparen - zum Wohle der Allgemeinheit. Wir sollten genug Geld für eine gesunde Gesellschaft übrig haben.

Jacqueline Nordhorn ist Ärztin und Professorin für Public Health an der Berliner Charité. Ihr Schwerpunkt liegt in der Prävention und Versorgung chronischer Erkrankungen, vor allem Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen. Sie ist die nächste Präsidentin der europäischen Fachgesellschaft Association of Schools of Public Health in the European Region.