Gesundheit in den OECD-Staaten Zwischen Krise und Überfluss

Bei einer ganzen Reihe von Operationen - am Herzen, bei Knie- und Hüftgelenken - liegt Deutschland jeweils auf den vorderen Plätzen (Symbolbild)

Ein Drittel der Industriestaaten schränkt seine Gesundheitsausgaben wegen schwieriger Haushaltslage deutlich ein - mit schwer abzusehenden Folgen. Auf der anderen Seite boomen fragwürdige Behandlungen: Immer mehr Kaiserschnitte, immer mehr Antidepressiva, immer mehr künstliche Hüftgelenke. Ein OECD-Bericht zeichnet ein widersprüchliches Bild der modernen Medizin.

Von Berit Uhlmann

In der Krise sparen die Industrieländer zunehmend an der Gesundheit ihrer Bürger. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beklagt, dass elf ihrer 34 Mitgliedsstaaten zwischen 2009 und 2011 ihre Gesundheitsausgaben zurückgefahren haben. In Griechenland sanken diese Ausgaben um mehr als elf Prozent, in Irland um knapp sieben Prozent, schreibt die Organisation in ihrer aktuellen Bestandsaufnahme "Health at a Glance 2013".

Die Regierungen dieser Länder haben medizinische Einrichtungen geschlossen, Gehälter von Ärzten und Pflegepersonal gekürzt, ihren Bürgern höhere Zuzahlungen aufgebürdet. Das sind zweifellos Belastungen für alle Betroffenen. Doch schlagen sie sich tatsächlich im Gesundheitszustand der Einwohner nieder?

Der OECD-Bericht zeichnet ein gemischtes Bild. So stieg in Griechenland seit Beginn der Krise die Suizidrate, mittlerweile stagniert sie. Die Autoren sehen Hinweise darauf, dass die Kindersterblichkeit in Griechenland zunimmt.

Andere Folgen scheinen zumindest auf den ersten Blick positiv. Seit Beginn der Krise sterben weniger Menschen bei Verkehrsunfällen, einfach weil weniger im Auto unterwegs sind. Erfreulich für die Gesundheitsstrategen ist, dass in etlichen Krisenländern der Alkohol- und Tabakkonsum zurückgegangen ist. Dies resultiert aus dem simplen Fakt, dass die Menschen weniger Geld zur Verfügung haben, ist aber auch eine Nachwirkung vorangegangener Präventionsprogramme, schreiben die OECD-Experten. Und damit ist die positive Entwicklung bereits wieder in Gefahr.

Denn die Ausgaben für die Gesundheitsvorsorge sind in mehr als drei Viertel der OECD-Staaten deutlich zurückgegangen. Wer an der Vorbeugung von Übergewicht, Alkoholmissbrauch oder Nikotinabhängigkeit spart, kann nur kurzfristige Effekte erzielen. Langfristig werden die Gesundheitskosten durch ungesundes Verhalten steigen, warnen die Autoren. Eine unmittelbare Folge eingeschränkter Vorsorgemaßnahmen lässt sich in Athen beobachten. Die HIV-Rate unter Drogenabhängigen ist rasant gestiegen.