Genetik psychischer Erkrankungen Dunkle Verwandte

Was haben Depression und Schizophrenie gemeinsam? Wenig, wenn man die Symptome betrachtet, aber viel wenn man den Blick auf genetische Ursachen richtet. Über die Verwandtschaft psychischer Leiden.

Von Christian Weber

Im offiziellen Diagnosekatalog befinden sich diese Krankheiten auf völlig verschiedenen Seiten, denn auf den ersten Blick unterscheiden sich ihre Symptome deutlich. Was etwa soll die lähmende Traurigkeit eines depressiven Menschen mit dem Wahn eines Schizophrenen zu tun haben? Doch so einiges, wie nun Wissenschaftler um Kenneth Kendler und Naomi Wray im Fachmagazin Nature Genetics (Bd. 45, S. 984, 2013) berichten. Ihre Kernaussage: Verschiedene psychische Störungen haben zum Teil genetische Gemeinsamkeiten.

Mehr als 300 Wissenschaftler weltweit, unter anderem auch aus Deutschland, hatten an dem riesigen Projekt mitgearbeitet, bei dem jeweils ungefähr eine Million variable Stellen im Genom - sogenannte Single Nucleotide Polymorphisms (SNPs) - von mehr als 75.000 Menschen analysiert wurden. Dabei untersuchten die Forscher neben gesunden Kontrollpersonen nur Patienten, die an einer der fünf psychiatrischen Krankheiten litten, die in der Bevölkerung relativ weit verbreitet sind: Schizophrenie, bipolare Störung, majore Depression, Autismus und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung).

Dabei zeigte sich eine besonders starke genetische Übereinstimmung von Schizophrenie und bipolarer Störung, einer Affektstörung, die sich durch extreme Stimmungsschwankungen abwechselnd in Richtung Depression oder Manie auszeichnet. Kernsymptome der Schizophrenie sind hingegen unter anderem Ich-Störungen und Wahnvorstellungen.

Deutliche genetische Gemeinsamkeiten zeigten sich auch zwischen der majoren Depression und bipolarer Störung/Schizophrenie sowie zwischen bipolarer Störung und ADHS. So bestätigt die neue Nature-Studie die Vermutung, dass die derzeit noch rein symptomatische Diagnosestellung in der Psychiatrie nur sehr begrenzt die biologische Kausalität widerspiegelt. Eine Einsicht, die sich in Zukunft auch bei der Therapie auswirken könnte.

"Die Studie zeigt einmal mehr, dass unser Ansatz, das Genom systematisch nach den Ursachen psychischer Störungen zu untersuchen, erfolgreich ist", kommentiert der Humangenetiker Markus Nöthen von der Universität Bonn und Koordinator des Nationalen Genomforschungsnetzes MooDs. "Das Nadelöhr ist allerdings, dass der Erfolg solcher Untersuchungen von der Teilnehmerzahl der Patienten abhängt, insbesondere deshalb, da die Krankheitsverläufe so individuell sind", sagt Marcella Rietschel, Direktorin der Abteilung für Genetische Epidemiologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.