Frühgeburten Kinder der Grauzone

Jedes zehnte Kind kommt laut WHO zu früh zur Welt, aber nur ein kleiner Teil davon gehört zu den Extremfrühchen.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Bei den allerkleinsten Frühchen müssen die Eltern entscheiden, ob sie ihr Kind sterben lassen oder ob die Ärzte um sein Leben kämpfen. Dabei kann man ihnen kaum sagen, welche Chancen ihr Kind hat.

Von Berit Uhlmann

Margarete wog kaum mehr als zwei Stück Butter, als sie zur Welt kam. Wie "ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen ist", erschien sie ihrer Mutter. "Keiner kann uns jetzt sagen, was passieren wird", notierte Johanna Graeff in ihr Tagebuch: "Jede Möglichkeit ist genauso wahrscheinlich wie die andere." Die Möglichkeiten sind Tod, lebenslange Behinderung, leichte Beeinträchtigungen oder aber ein beschwerdefreies Leben.

Margarete war mit 23 Wochen und sechs Tagen im Münchner Klinikum Großhadern zur Welt gekommen. Sie gehört zu jenen Babys, von denen man noch vor wenigen Jahrzehnten gesagt hätte, dass ein Überleben biologisch unmöglich sei. Noch in den 1970er-Jahren befanden Mediziner, dass Kinder, die weniger als 24 Wochen im Bauch der Mutter reifen konnten, dem sicheren Tod geweiht seien.

Heute liegen solche Babys auf den Intensivstationen der Kliniken. Ihre Haut ist papierdünn und wirft Falten an dürren Ärmchen, der Kopf nicht größer als eine Apfelsine. Darüber stülpen sich Atemmasken, die Luft in die Lungen leiten, die durch Medikamente zur schnelleren Reifung angeregt wurden. Verbesserte Technik und Medikamente, die die Organentwicklung beschleunigen, haben es möglich gemacht, die Grenze der Lebensfähigkeit immer weiter zu verschieben. Doch wann immer Mediziner einen Schritt vorrücken, erwartet sie nicht nur der Erfolg der medizinischen Pioniere, sondern eine Region der Ungewissheit. "Grauzone" nennen Neonatologen das.

Sie gilt heute für Kinder, die in der 23. oder 24. Woche geboren werden. Für ihre Behandlung gibt es in Deutschland keine eindeutigen medizinischen Standards. Die Eltern entscheiden, ob sie ihrem winzigen Kind eine Chance auf Leben einräumen oder ob sie es sterben lassen. Wie viele dieser Kinder es gibt, weiß man nicht genau. "Die Statistik ist löchrig, Babys, die kurz nach der sehr frühen Geburt versterben, werden nicht überall erfasst", sagt Andreas Flemmer, Leiter der Neugeborenen-Intensivstation am Klinikum Großhadern. Damit fehlt die Basis für die Antwort, die die Eltern so dringend brauchen: Welche Überlebenschancen hat unser Frühchen?

Die Leitlinie, die Ärzten einen Weg vorgibt, führt Überlebensraten von mehr als 75 Prozent für Kinder auf, die die 24. Schwangerschaftswoche vollendet haben. Für die noch jüngeren Babys operiert sie mit Erfahrungen verschiedener Länder. Zwischen zehn und 50 Prozent liegen die durchschnittlichen Überlebensraten, die noch dazu oft nur auf kleinen Fallzahlen und unterschiedlichen Standards beruhen. Zu der Unsicherheit der Statistik kommt die Ungewissheit ihrer Bewertung. Überlebenschancen unter 50 Prozent- ist das zu wenig? "In der Onkologie gelten viel schlechtere Raten als Erfolg", kommentiert Flemmer.

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