Tödlicher Medikamententest in Frankreich Nun zeigt sich die Kaltblütigkeit der Branche

Ein Toter und vier schwer Verletzte gehen auf das Konto einer Medikamentstudie in Frankreich. Doch das verantwortliche Studienlabor mauert.

Ein Kommentar von Christina Berndt

Die Verheißung und das Entsetzen liegen nur einen Mausklick voneinander entfernt. "Freiwilliger, melden Sie sich an und nehmen Sie an unseren klinischen Studien teil", heißt es auf der Website des Studienlabors Biotrial aus Rennes. Und gleich daneben, unter der Überschrift "Neuigkeiten und Ereignisse" gibt es wenige bedauernde Worte zu einem nicht näher genannten Unfall.

So klar die Aufforderung zum Mitmachen auf der einen Seite ist, so unklar bleiben die zwei Sätze auf der anderen. Nur wer schon von den schrecklichen Geschehnissen gehört hat, die sich bei einer Studie von Biotrial ereigneten, weiß, welcher Unfall gemeint ist: Fünf Menschen sind im Verlauf einer Medikamenten-Studie schwer erkrankt, welche das Unternehmen für die portugiesische Pharmafirma Bial vorgenommen hat. Einer von ihnen ist inzwischen gestorben.

Die kryptischen Sätze zeigen, wie weit die Verantwortlichen von einer wirklichen Aufklärung entfernt sind. Auch die Pharmafirma Bial, welche die Unglückssubstanz in die Welt gesetzt hat, ist bisher furchtbar unkonkret geblieben. Was genau in Rennes vorgefallen ist, bleibt somit unklar. Ebenso, wie groß die Gefahr ist, der sich andere Testpersonen rund um den Globus gerade aussetzen, die an ähnlichen Studien teilnehmen.

Es ist nur einzelnen Rechercheuren, Journalisten und Whistleblowern zu verdanken, dass mittlerweile bekannt ist, welche Substanz in Rennes verwendet wurde. Nicht einmal den Codenamen "BIA 10-2474", unter dem Bial mit seinem Hoffnungsträger gegen neurodegenerative Krankheiten und Schmerzzustände geforscht hat, hatte das Unternehmen herausgeben wollen. Erst als Medien das Kürzel verbreitet hatten, nannte es auch die Firma. Inzwischen wurde das Studienprotokoll der Zeitung Figaro zugespielt, so dass endlich auch die genaue Molekülstruktur der tödlichen Testsubstanz bekannt ist. Doch welche Dosierungen verwendet wurden, weiß niemand.

Die Geheimniskrämerei ist ein Schlag ins Gesicht all jener Probanden, die derzeit noch an Studien teilnehmen, und jener Wissenschaftler, die wissen wollen, ob sie gerade mit ähnlich gefährlichen Substanzen hantieren. Dass Bial seine bisherigen Daten bis heute unter Verschluss hält, ist schlimm genug. Spätestens jetzt, nach dem Unglück, müssten die Firmen mit ihrer Geheimniskrämerei aufhören und völlige Transparenz ermöglichen. Es verstört, dass selbst die französischen Behörden helfen, Informationen zurückzuhalten.

"Gesundheit ist unser Traum", lautet ein Motto von Bial. "Wir kümmern uns um Ihre Gesundheit" ein anderes. Solche Parolen darf man bei jedem Pharmakonzern anzweifeln. Wie sich die Bial-Führung nach dem Tod eines Menschen und den schweren Folgen für vier weitere verhält, zeigt, wie kaltblütig in der Branche geschwiegen und gelogen wird.

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