Forschungspolitik Aufholjagd für die Gesundheit

Die deutsche Gesundheitsforschung wird ihrer Verantwortung kaum gerecht, stellen die Akademien fest: Sie fordern daher, die Arbeit auf dem Gebiet der "Public Health" zu verstärken.

Von Christopher Schrader

Die Gesundheitsforschung in Deutschland wird ihrer Verantwortung kaum gerecht. Davon sind die deutschen Wissenschaftsakademien überzeugt. "Es wird von uns international erwartet, auf globale Herausforderungen zu reagieren", sagt Detlev Ganten von der Charité Berlin. Auf dem Gebiet der Public Health, also der bevölkerungsorientierten Gesundheits-Wissenschaft, seien Forschung und Lehre in Deutschland zersplittert und könnten ihr Potenzial nicht ausschöpfen, stellt der Mediziner als Leiter einer international besetzten Arbeitsgruppe der Akademien fest. An der Übertragung "bench to bedside", also von der Laborbank ans Krankenbett und weiter zur öffentlichen Gesundheitsvorsorge hapere es. Ganten hat die gut 80-seitige Analyse der deutschen Gesundheitsforschung am Dienstag in Berlin präsentiert.

Public Health sei in anderen Ländern ein großes Forschungsgebiet, sagt Ilona Kickbusch vom Graduate Institute in Genf, die ebenfalls an der Stellungnahme mitgearbeitet hat. Eine deutsche Version des Begriffs gebe es nicht, weil Übersetzungen wie "Volksgesundheit" historisch belastet sind oder banal klingen. In Deutschland hat es zwar schon Initiativen gegeben, an die Forschung in Ländern wie den USA und Großbritannien anzuknüpfen. Bisher ist das misslungen, auch die Niederlande und Schweden haben mehr Publikationen vorzuweisen als deutsche Forscher.

Den nationalen Rahmen hat das Thema ohnehin gesprengt, schließlich geht es um Tropenkrankheiten wie Ebola, die Resistenz von Bakterien gegen Antibiotika oder gesundheitliche Folgen von Sparprogrammen, die Länder wie Griechenland oder Portugal erfüllen mussten. "Man kann Public Health ohne die globale Dimension nicht mehr denken", sagt Kickbusch. "Es ist enttäuschend, wie wenig präsent deutsche Forscher auf internationalen Konferenzen über Gesundheitsfragen sind." Einem Konzeptpapier der Bundesregierung zur globalen Gesundheitspolitik von 2013 müssten nun "spezifische institutionelle Mechanismen und Instrumente" folgen, so die Kommission.

Die Wissenschaftsakademien von Leopoldina bis Acatech fordern mehr Investitionen in die Forschung und politische Unterstützung. Vor allem aber, beklagen die Experten, fehlten Strukturen, die deutschen Wissenschaftlern eine bessere Koordination und den Austausch über Ziele und Ergebnisse erlauben. Es könne dafür ein Netzwerk, ein Institut oder ein neues Zentrum geschaffen werden, um Kapazitäten in Behörden, Universitäten und Forschungs-Organisationen zu bündeln. Die genaue Gestaltung solle ein Diskussionsprozess ergeben, sagte Ganten. "Wir empfehlen zunächst nur, eine Aufbruchsituation zu erzeugen. Auf diesen Aufruf haben alle Beteiligten gewartet." Natürlich ist dem Team die Ironie bewusst, wenn ihre Arbeitsgruppe nun zunächst eine weitere Arbeitsgruppe einfordert. Immerhin soll laut der Stellungnahme ein Staatssekretär aus einem Bundesministerium die Verantwortung für das Projekt übernehmen.

Eine weitere Forderung der Arbeit der Public-Health-Forscher könnte hingegen zu kontroversen Diskussionen führen. Sie wollen sich darauf vorbereiten, mit großen Datenmengen umzugehen, etwa in einer prädiktiven Diagnostik, die auf Genanalysen beruht. Im Datenschutz dürften also keine neuen Hindernisse für die Gesundheitsforschung entstehen. "Es ist unethisch, Daten zum Beispiel von den Krankenkassen nicht der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen", sagt Ganten. "Wir müssen doch wissen, was in der Praxis passiert." Das sei auch unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte der Patienten möglich.