Ernährung Weizen in der Schurkenecke

Sieht so ein Schurke aus? Dem Weizen wird heute allerlei angedichtet.

Zucker, Salz, Milch, Fett: Lebensmitteln wird immer häufiger Schreckliches angedichtet. Derzeit gerät der Weizen ins Visier der Ernährungs-Extremisten. Sie entwerfen ein Panoptikum des Siechtums.

Von Sebastian Herrmann

Die Dealer treten offen auf. Sie bewerben ihre Waren aus weißem und braunem Pulver ungeniert und betreiben feste Verkaufsstellen. Dort versammeln sich täglich Süchtige, um Nachschub zu kaufen und ihren Entzug zu bekämpfen. Viele Junkies ahnen nicht, dass ihr Konsum sie an den Abgrund treibt. Was sie erwartet? ADHS, Adipositas, Alzheimer, Autismus, Diabetes, Depressionen, Fehlgeburten, Glatzenbildung, Krebs, Migräne, Parkinson, Schizophrenie, Unfruchtbarkeit, Verlust der Libido und mehr. Die Liste der Wirkungen des höllischen Stoffes lässt sich um viele weitere Gemeinheiten strecken. Die Vertreter der Anklage setzen immer noch eins drauf - Epilepsie! Osteoporose! Hashimoto-Thyreoiditis! - und entwerfen ein Panoptikum des Siechtums.

Stopp, Zeit auf die Bremse zu treten. Die vermeintlichen Dealer üben ehrbare Berufe aus. Sie arbeiten als Bäcker, als Konditoren, als Köche. Sie verarbeiten weißes oder dunkles Mehl zu Brot und Gebäck. Bei den angeblich Süchtigen handelt es sich um Frauen, Männer und Kinder, die Lebensmittel kaufen, um ihren Hunger zu stillen.

Im Wahnsinn rund um Wert und Wirkung von Lebensmitteln ist Weizen ins Visier der Ernährungsextremisten geraten. Zu diesen zählen etwa William Davis und David Perlmutter. Ihre Bücher ("Die Weizenwampe. Warum Weizen dick und krank macht" und "Dumm wie Brot. Wie Weizen schleichend Ihr Gehirn zerstört") eroberten die US-Bestellerlisten und zählen auch in Deutschland zu den bestverkauften Veröffentlichungen. Aus ihnen stammt die Schreckensliste von ADHS bis Libidoverlust.

Beim Essen plagen die Menschen in den Industriestaaten enorme Ängste, häufig hat das psychologische Gründe

Die Beweisführung der Anti-Weizen-Gurus steckt voller Abzweigungen, Irrungen und Wirrungen. Die Kurzfassung lautet: Der Mensch verträgt weder Kohlenhydrate noch das Eiweiß Gluten, das in Weizen, Dinkel, Roggen und anderen Getreidesorten steckt. Beide Stoffe machen die Autoren für fast sämtliche Leiden unter der Sonne verantwortlich. Als Allheilmittel predigen sie den rigorosen Verzicht auf Kohlenhydrate, allenfalls zwei kleine Portionen Obst am Tag gestatten sie. Wenn man übrigens mit Forschern spricht, auf deren Studien sich die Weizen-Warner teils beziehen, hört man gelegentlich: "Das haben wir gar nicht untersucht, das lässt sich daraus nicht ableiten." Egal: ADHS, Demenz, Abhängigkeit? Bitte sehr, der Weizen, der böse Weizen.

Die Behauptungen sind schwer verdaulich und völlig überzogen. Niemand landet automatisch im Grab oder in der Psychiatrie, nur weil er gerne Brot isst. Es lohnt dennoch, sich mit ihnen zu beschäftigen, denn sie verdeutlichen, wie sich mit schrillen Warnungen über Lebensmittel Aufmerksamkeit erzielen lässt. Dass nun Weizen auf der Abschussliste steht, ist zu einem gewissen Grad Zufall: Die Liste der angeblichen Übeltäter ist lang. Fleisch, Milch, Salz, Zucker, Laktose, ständig werden Stoffe und Waren mit Tabus belegt, andere zu Heilsbringern emporgejubelt.

Beim Essen plagen die Menschen in den Industrieländern enorme Ängste. Sogenannte Ernährungsexperten teilen Lebensmittel in die Kategorien ungesund und gesund ein. Diskussionen finden in einer Terminologie des Giftes statt. Zucker wird wahlweise als süße Droge oder weißes Gift bezeichnet. Kochbücher präsentieren sich als Pamphlete, die Gesundheit und Schönheit versprechen, indem sie den Verzicht je unterschiedlicher Speisen einfordern. Unverträglichkeiten scheinen zu grassieren, plötzlich reklamieren immer mehr Menschen für sich, allergisch auf dieses oder jenes Lebensmittel zu sein. Es gibt Menschen, die tatsächlich heftig auf Nahrung reagieren. Etwa ein Prozent der Bevölkerung, so die offensivsten Schätzungen der Wissenschaft, leiden an einer Zöliakie. Das Klebereiweiß Gluten, ohne das ein Brotteig nicht aufgehen würde, löst bei diesen Patienten eine Entzündung der Dünndarmschleimhäute aus - ein ernstes Leiden, das die Betroffenen erheblich beeinträchtigt. Dass aber der Körper von 40 Prozent der Bevölkerung oder gar von allen gegen Gluten rebelliert? Das ist völlig überzogen. Sicher scheint hingegen, dass Lebensmittelunverträglichkeiten auch eine psychologische Komponente haben.

Nun tauchen also die Anti-Getreide-Gurus auf, schöpfen aus diesem vollen Topf der Ängste und fügen dem Schrecken neue Würze hinzu. Nur um das mal einzuordnen, da wird ein unverzichtbares Grundnahrungsmittel verteufelt. Die Menschheit deckt etwa ein Fünftel ihres Kalorienbedarfs aus Weizen. Die Erfindung des Ackerbaus vor etwa 10 000 Jahren gilt als Urknall menschlicher Kultur, ohne den es keine Schrift, keine Städte, keine Arbeitsteilung gäbe. Mindestens ebenso lang mahlen Menschen Getreide zu Mehl und backen Brot. Das soll nun alles böse sein?