Ernährung und Alter Hungern, um länger zu leben?

Bei Würmern, Fliegen, Fischen und Mäusen funktioniert es: Eine stark reduzierte Kalorienaufnahme kann ihr Leben verlängern. Doch Studien an Rhesusaffen dämpfen die Hoffnung, dass auch Menschen auf diesen Effekt hoffen können.

Von Thomas Wagner-Nagy

Es ist der Traum vieler Forscher, das Geheimnis des Alterns zu entschlüsseln. Käme man ihm auf die Spur, könnte man die Lebensdauer von Organismen vielleicht erheblich verlängern, sie womöglich sogar unsterblich machen. Ein seit Langem verfolgter Ansatz ist eine stark reduzierte Kalorienaufnahme, die sich bei Würmern, Fliegen, Fischen und Mäusen im Labor bewährt hat. 2008 hat eine Forschergruppe das Höchstalter von genmanipulierter Bäckerhefe sogar um das Zehnfache verlängert.

Zwei Studien an Rhesusaffen unter Kaloriendiät kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. In einer Untersuchung stieg die Lebenserwartung der Tiere, in der anderen nicht. (Das Tier auf dem Foto ist  kein Versuchstier. Das Bild stammt aus Ratchaburi, Thailand.)

(Foto: dpa)

Eine US-Langzeitstudie an Rhesusaffen scheint nun allerdings die Hoffnung zu trüben, dass dies auch bei den nahen Verwandten des Menschen oder gar bei ihm selbst funktionieren könnte.

Seit 23 Jahren setzen Forscher des National Institute on Aging (NIA) in Maryland Rhesusaffen auf eine strikte Kaloriendiät. Dabei bekommen die Tiere zehn bis 40 Prozent weniger Kalorien täglich als üblich. Wie das Team um Julie Mattison nun in Nature (online) berichtet, konnte es bislang keinen lebensverlängernden Effekt im Vergleich zur Kontrollgruppe feststellen.

Rhesusaffen werden in Gefangenschaft im Schnitt 27 Jahre alt, können es in Ausnahmefällen aber auch auf 40 Jahre bringen. Zwar fanden sich Anzeichen für eine gesündere Stoffwechselaktivität bei Tieren, die erst im fortgeschrittenen Alter von 16 bis 23 Jahren der Diät unterzogen wurden. Und Affen, die schon als Junge hungern mussten, bekamen später als üblich altersbedingte Krankheiten, da ihre Immunzellen besser arbeiteten.

Bei Männchen kam es jedoch zu Reifeverzögerungen und verlangsamtem Knochenwachstum. Alles in allem kommen die Forscher jedoch zum Schluss, dass weniger Essen den Rhesusaffen kein längeres Leben schenkt.

Dieses Ergebnis steht im direkten Gegensatz zu einer ähnlichen Langzeitstudie des Nationalen Primatenforschungszentrums in Wisconsin (WNPRC). Auch dort untersucht man seit 1989 die Effekte der Kalorienrestriktion an Rhesusaffen und kam zum Ergebnis, dass die Diät die Lebenserwartung der Tiere verlängert.

Von ursprünglich 76 Tieren verstarben 14 aus der Kontrollgruppe an altersbedingten Krankheiten, in der kalorienarmen Gruppe waren es nur fünf. Bei der neuen Studie war die Todesrate hingegen mit 24 Prozent in der Kontrollgruppe gegenüber 20 Prozent bei den Hungernden fast gleich hoch.

Wie sind diese völlig unterschiedlichen Ergebnisse zu erklären? Die NIA-Forscher vermuten, dass die unterschiedliche Ernährung in den beiden Studien eine Rolle spielt. So bekamen die Affen bei ihnen Futter auf natürlicher Basis, während die Tiere in Wisconsin eine Mixtur aus aufgereinigten Zutaten zu sich nahmen.

Zudem sei der Kristallzucker-Anteil in der Nahrung am WNPRC deutlicher höher gewesen, was einen Einfluss auf die Entstehung von Typ-II-Diabetes - einer häufigen Todesursache im Alter - bei den Tieren haben könnte, schreiben die Wissenschaftler. Indes räumen sie ein, dass im natürlichen Futter der NIA-Affen Chemikalien und andere nicht identifizierbare Einflussfaktoren enthalten sein könnten.

In den USA ist die fragwürdige Diät ungeachtet aller offenen Fragen bereits zum Trend unter Menschen geworden. Nach vagen Schätzungen befolgen sie bereits mehrere tausend Amerikaner - ohne sicher zu wissen, ob sie ihnen schadet oder nützt. Und selbst wenn die lebensverlängernde Diät auch beim Menschen funktioniert, bleibt die Frage, was wohl besser ist: 120 Jahre hungern oder doch lieber 85 Jahre voll auskosten?