Ernährung Öl aufs Hirn für ein gesundes Leben

Leichte Kost, Fisch, Gemüse, wenig Aufregung: Die Mittelmeer-Küche gilt als besonders gesund.

(Foto: Natalie Neomi Isser)

Mittelmeerküche tut nicht nur dem Körper gut, sondern auch dem Geist - behaupten ausgerechnet die Schotten.

Von Werner Bartens

Das Leben könnte so einfach sein. Leicht und unbeschwert. Ohne Gelenkschmerz, Infarkt, Krebs und andere Gebrechen bis ins hohe Alter. Was es dazu bräuchte? Nur ein paar Tropfen Olivenöl, Salat, Knoblauch, Gemüse, Obst - und natürlich das tägliche Glas Rotwein.

Seit Jahren gilt der mediterrane Ernährungsstil als Allheilmittel aus der Küche, als pflanzlicher Jungbrunnen, der Adern elastisch hält, Synapsen schmiert und Körperzellen davor bewahrt zu entarten. Glaubt man all den Lobpreisungen, bietet die Mittelmeer-Diät das ultimative Anti-Aging-Rezept, das zudem genügsam wie ein kretischer Hirte und heiter wie ein apulischer Trattoria-Wirt stimmt.

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Wie passend, dass in der ersten Januarwoche, den Schicksalstagen aller Diät-Willigen, weitere argumentative Schützenhilfe auftaucht. Im Fachmagazin Neurology beschreiben Ärzte aus Edinburgh, dass sich die mediterrane Kost sogar auf die Gehirngröße im Alter auswirkt und damit womöglich einer drohenden Demenz vorbeugen kann.

"Wenn wir älter werden, verkleinert sich die Gehirnmasse, die Anzahl der Nervenzellen nimmt ab und das kann Gedächtnis wie Lernvermögen beeinträchtigen", sagt Michelle Luciano, die Erstautorin der Studie. "Unsere Daten zeigen, dass die Mittelmeer-Diät günstig für die Hirngesundheit ist."

"Vorstellung von einer einfachen, gesunden Kost ist eher Mythos als Realität"

Die Forscher haben fast 1000 Schotten im Alter von 70 Jahren untersucht und nach drei Jahren erfasst, wie sich ihr Hirnvolumen entwickelt hatte. Wer viel Früchte, Getreide, Bohnen und Gemüse zu sich nahm und wenig Fleisch und Geflügel, behielt demnach mehr Hirnsubstanz als jene Probanden, die eher der landestypisch fettreichen Ernährung zusprachen. Die Hälfte des altersbedingten Verlusts an grauen Zellen konnte mit der pflanzenlastigen Kost vermieden werden.

Ähnlich positive Befunde für die mediterrane Ernährung liefert die Forschung zuhauf - mal geht es um besser durchblutete Kranzgefäße, das niedrigere Risiko für Schlaganfall, mal um eine geringere Krebsneigung. Erfreuliche Nachrichten, könnte man meinen. Doch so einfach ist es nicht. "Wahrscheinlich kann man in den Ländern, die an das Mittelmeer grenzen, ebenso ungesund essen wie im Rest der Welt - und die Vorstellung von einer einfachen, gesunden Kost ist eher Mythos als Realität", schreibt die britische Food-Bloggerin Gillian Riley.

Tatsächlich kennen Ernährungswissenschaftler gesündere Nahrungsmittel als Pizza, Cevapcici, Odysseus-Platte, Wildschwein oder andere typische Spezereien der Mittelmeer-Anrainer. Es ist die Lust am Essen, die gut tut und der in vielen südlichen Gefilden noch gefrönt wird. Für die Gesundheit ist es wichtiger, welchen Stellenwert als welchen Nährwert das Essen hat.

Die Unterschiede im Hirnvolumen der Schotten in der aktuellen Studie lassen sich zudem anders erklären. Das Nationalgericht der Region ist Haggis - ein mit Lunge, Nierenfett und Hafermehl gefüllter Schafsmagen. Getrunken wird Whisky, Schwarztee oder die pappsüße Limonade Irn-Bru. Wem es dort gelingt an Obst, Gemüse, gar Olivenöl zu gelangen und täglich Rotwein zu trinken, der muss schon über beträchtliche Mengen Hirnschmalz verfügen.