Entwicklungsprobleme Bei jedem dritten Vorschulkind wird eine Sprachstörung festgestellt

Fachleute diagnostizieren zunehmend Sprach- und Sprechstörungen bei Vorschulkindern. Jungen sind offenbar stärker betroffen als Mädchen.

Von Guido Bohsem

Immer mehr Kinder leiden an Sprach- und Sprechstörungen. Sie lispeln, verschlucken Wörter, beherrschen die Satzkonstruktionen nicht oder machen häufig und regelmäßig grammatikalische Fehler. Nach einer Erhebung der Krankenkasse Barmer/GEK wird mittlerweile bei jedem dritten Kind im Vorschulalter eine mangelhafte Sprachentwicklung festgestellt. Insgesamt sind innerhalb eines Jahres etwa 1,12 Millionen Kinder bis 14 Jahre betroffen, sagte Thomas Grobe vom Institut für Sozialmedizin (ISEG) am Dienstag in Berlin.

Spitzenwerte finden sich vor allem in den Jahren unmittelbar vor der Einschulung, also bei vier- oder fünfjährigen Vorschulkindern. Mädchen sind insgesamt weniger betroffen als Jungen. So wird bei etwa 38 Prozent der fünfjährigen Jungs eine Sprachstörung festgestellt. Gleichaltrige Mädchen sind nur zu knapp 30 Prozent betroffen. Entsprechend sind auch etwa 20 Prozent der Jungen und 14 Prozent der Mädchen in diesem Alter in logopädischer Behandlung.

Der stellvertretende Barmer/GEK-Chef, Rolf-Ulrich Schlenker, führt dies darauf zurück, dass die Eltern kurz vor der Einschulung eine besondere hohe Aufmerksamkeit auf die Sprachfähigkeiten ihrer Kinder legten. In Berlin trage dazu beispielsweise ein Sprach-Lern-Tagebuch in der Vorschule bei. In diesem Heft würden die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder von den Erzieherinnen erfasst und bewertet. Sicherheitshalber suchten die Eltern einen Arzt auf: "Wir sehen, dass professionelle Sprachförderung in Anspruch genommen wird."

ISEG-Forscher Friedrich Wilhelm Schwartz sagte, die hohen Zahlen vor der Einschulung seien auch damit zu erklären, dass den Kinderärzten oft praktikable und einheitliche Kriterien für die Diagnose fehlten und sie sich im Zweifel für eine Behandlung aussprächen.

Zwar gehe dies nicht aus den Studiendaten hervor, doch fänden sich die Sprachstörungen insbesondere bei Kindern aus Zuwanderer-Familien und bei solchen, die aus sozial schwachen Verhältnissen stammen. Nach Bundesländern aufgeschlüsselt, ergeben sich keine gravierenden Unterschiede bei der Zahl der sprachgestörten Kinder bis 14 Jahren. Der höchste Wert findet sich im Saarland mit elf Prozent. In Bremen liegt er bei lediglich 8,8 Prozent, in Bayern bei 10,3 Prozent, in Baden-Württemberg bei 10,0 und in Nordrhein-Westfalen bei 10,9 Prozent.

Die Versorgung der betroffenen Kinder, also eine logopädische Behandlung, ist nach Darstellung der Wissenschaftler ausreichend. Jedoch sei eine regelmäßige Behandlung vieler Kinder auch wegen der Veränderungen in der Erwerbsstruktur der Gesellschaft schwierig. Weil sich die Arbeitszeiten von Müttern und Vätern immer weiter angleichen, seien immer mehr Familien auf eine ganztägige Betreuung ihrer Kinder angewiesen, urteilt der Bundesverband für Logopädie. Die Behandlung könne deshalb häufig nur noch außerhalb der üblichen Öffnungszeiten der Praxen stattfinden, das heißt entweder am frühen Morgen oder am frühen Nachmittag. Und diese Termine sind rar.