Entscheidung in Großbritannien Ein Baby mit drei Eltern

Im Labor gezeugte Kinder wie diese sind längst Routine. Bald könnten Babys auch Gene von drei Eltern haben.

(Foto: Rungroj Yongrit/dpa)
  • In Großbritannien hat die große Mehrheit der Abgeordneten des Unterhauses für ein Methode der künstlichen Befruchtung gestimmt, bei der ein Baby aus dem Erbgut von drei Menschen entsteht.
  • Durch diese spezielle Art der In-vitro-Fertilisation sollen Erbkrankheiten verhindert werden. Aussehen und Charakter des Kindes werden durch die dritte DNA jedoch nicht beeinflusst.
  • Kritik kam von Seiten der Kirchen. In der britischen Öffentlichkeit wird die Entscheidung des Paralemnts überwiegend positiv aufgenommen.
Von Christina Berndt und Björn Finke, London

Ihren ersten Anfall hatte Niamh, als sie sieben Wochen alt war. "Von dem Punkt an änderte sich unser Leben für immer", sagt ihre Mutter Alison Maguire. Sie war so glücklich gewesen mit ihrem Baby, das so ruhig war und so viel schlief. Vielleicht zu viel schlief. Denn bald stellte sich heraus, dass Niamh krank war. Sie litt an einer schweren Form von Epilepsie, die ihr Gehirn angriff. Mit vier Jahren starb sie. "Fast ihr ganzes Leben lang hatte Niamh Schmerzen", erzählt die Mutter. "Es war für uns alle unerträglich, sie so viel schreien zu hören."

Deshalb ist Alison Maguire glücklich, dass das britische Parlament am Dienstag den Weg frei gemacht hat für eine neue Art von künstlicher Befruchtung; eine Technik, die Krankheiten wie die von Niamh verhindern könnte. Eine Technik aber auch, die Menschen mit einer genetischen Besonderheit erschaffen wird: Die Babys, die nach Anwendung dieser Methode geboren werden, werden drei biologische Eltern haben.

Trotz zahlreicher, vor allem ethischer Einwände fiel die Abstimmung im Unterhaus überraschend eindeutig aus: 382 Abgeordnete votierten für die Erlaubnis von "Drei-Eltern-Babys", nur 128 dagegen. Dass das Oberhaus in zwei Wochen ebenfalls zustimmt, gilt als Formsache. Schon im Herbst könnten demnach im Königreich Babys geboren werden, die neben Vater und Mutter noch eine weitere Mutter haben - eine Eizellspenderin, die ebenfalls Erbgut beiträgt. Seit Jahrzehnten schon greifen Reproduktionsmediziner mit verschiedenen Methoden der künstlichen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) in die Natur ein. Die Drei-Eltern-IVF aber hat eine neue Qualität. Ein Kind mit dem Erbgut von zwei Frauen und einem Mann, das ist bisher nirgendwo auf der Welt erlaubt.

Abstimmung ohne Fraktionszwang

Daher haben die Parteien bei der Abstimmung im Unterhaus auf Fraktionszwang verzichtet: Die Abgeordneten sollten allein nach ihrem Gewissen entscheiden. Die Grenze zwischen Befürwortern und Kritikern verläuft ohnehin quer durch die Fraktionen: Der konservative Premierminister David Cameron unterstützt das Gesetz, einige Abgeordnete seiner Partei sprachen sich dagegen aus.

Grafik "Drei-Eltern-IVF"

(Foto: Quelle: HFEA/SZ-Grafik: Eiden)

Kritisch äußerte sich vor allem die katholische Kirche, die eine Ausweitung der Fortpflanzungsmedizin zu Designer-Babys fürchtet. Die anglikanische Church of England verdammt die Technik zwar nicht grundsätzlich, hätte sich aber vor der Entscheidung weitere Studien zu ihren Folgen gewünscht. Wissenschaftler hingegen warfen den Klerikern Ignoranz vor; schließlich sei die Technik gut und lange erforscht. Kommentatoren in den wichtigen britischen Medien unterstützten die Gesetzesänderung überwiegend.

Verhindern ließen sich mit der Drei-Eltern-IVF eine Reihe von Erbkrankheiten, bei denen eine Besonderheit vorliegt: Es ist nicht das Erbgut im Zellkern beschädigt, wo sich der Großteil der menschlichen DNA befindet. Die Genfehler betreffen vielmehr jenen winzigen Teil des Erbguts, der sich in den Mitochondrien befindet. Diese liegen außerhalb des Zellkerns in weiblichen Eizellen. Die Mitochondrien versorgen die Zelle mit Energie, ihr Erbgut hat keinen Einfluss auf das Äußere eines Menschen oder seinen Charakter.

Muskelschwäche, Blindheit oder Herzprobleme

Etwa eines von 6500 Kindern leidet jedoch schwer unter Fehlern im Mitochondrien-Erbgut, die zu Muskelschwäche, Blindheit oder Herzproblemen führen können. Auf solche schweren Fälle ist die Erlaubnis des Parlaments beschränkt. Bei den Eltern muss der Gendefekt bereits nachgewiesen sein; das betrifft gegenwärtig wenige Dutzend Paare in Großbritannien.

Damit ein Kind nur gesunde Mitochondrien erbt, benötigt ein Paar mit Kinderwunsch für die Drei-Eltern-IVF noch eine Eizellspenderin: Der Vater gibt seinen Samen, seine Frau den Kern ihrer Eizelle. Als fruchtbare Umhüllung kommt dann die gespendete Eizelle hinzu, der der Zellkern entfernt wurde. Ihre gesunden Mitochondrien aber bleiben enthalten. Mit ihnen trägt die Eizellspenderin etwa fünf Promille zum Erbgut des Kindes bei.

In Deutschland wird die Technik wohl keine Realität werden, da schon die Spende von Eizellen verboten ist. Vorerst zumindest. Die Drei-Eltern-IVF wäre jedenfalls nicht die erste Fortpflanzungstechnik, die in Großbritannien entwickelt wurde und sich dann trotz anfänglich heftiger Kritik um den Globus ausbreitete. In Louise Brown erblickte 1978 bei Manchester das erste Retortenbaby das Licht der Welt.