Einschnitte bei der Palliativmedizin Die mächtige Lobby der Schmerztherapeuten

Die andere Hälfte der Aufgaben in der Palliativbetreuung sind spiritueller und psychosozialer Natur. Bei einer Verquickung mit der Schmerzmedizin fielen wahrscheinlich vor allem diese Aspekte weg, befürchtet Borasio. Schmerzen seien bei Sterbenden nicht so häufig wie allgemein angenommen. Sie zu behandeln habe natürlich hohe Priorität. Aber danach fange die Arbeit erst richtig an, sagt Borasio und zitiert einen indianischen Häuptling: "Das Leiden beginnt, wo der Schmerz aufhört." Fragen nach dem Warum und dem Sinn des Lebens kommen auf. Auch sei es wichtig, das Umfeld des Patienten mitzubetreuen. "Die Familie ist dem Sterbenden häufig wichtiger als er selbst", sagt die DHPV-Vorstandsvorsitzende Weihrauch. "Und zugleich gerät die Familie gerade bei jüngeren Sterbenden oft völlig aus den Fugen." Wer die Angehörigen unterstütze, helfe damit direkt dem Patienten.

Dass Menschen Sterben und Schmerzen so stark miteinander verbinden, ist in Borasios Augen auch das Ergebnis intensiver Propaganda. "Die Lobby der Schmerztherapeuten ist mächtig", sagt er. Mit Unterstützung der Pharmaindustrie hätten vor allem Anästhesisten die Gleichung "Palliativmedizin ist gleich Schmerztherapie" in den Köpfen zementiert. Die Industrie verdiene nun einmal nichts an spiritueller Begleitung. Seit Jahren schon versuche die Anästhesie das Fach Palliativmedizin als Unterabteilung der Schmerztherapie zu definieren, so Borasio. Die geplante Änderung der Approbationsordnung sei ein wesentlicher Schritt in diese Richtung.

Die Problematik, dass Schmerz- und Palliativmedizin trotz ihrer relativ geringen Überschneidung häufig gleichgesetzt werden, lässt sich mit der Schaffung eines eigenen Bereichs in der Approbationsordnung aber nicht aus der Welt schaffen", gibt Wolfgang Koppert zu bedenken. Für den Anästhesisten und Präsidenten der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes ist die von den Palliativmedizinern angestrebte Trennung der Fächer deshalb "zweitrangig". Hauptsache sei jetzt erst einmal, dass die Schmerzmedizin endlich Pflicht-Lehrstoff für angehende Ärzte werde.

Ähnlich sehen es auch die Verantwortlichen im Bundesgesundheitsministerium. Schmerzmedizin sei so wichtig, dass sie dringend in die Approbationsordnung aufgenommen werden müsse, heißt es von dort. Selbstverständlich müsse die Ausbildung der Ärzte in der Schmerzmedizin über die Versorgung Schwerstkranker und Sterbender hinausgehen, doch ein zusätzliches eigenständiges Fach würde den ohnehin umfangreichen Fächerkatalog im Medizinstudium nur "noch weiter ausdehnen".

Dabei setzt sich sogar die Bundesvertretung der Medizinstudierenden für ein Extrafach ein: "Schmerztherapie ist mehr als Palliativmedizin und Palliativmedizin ist mehr als Schmerztherapie", schreiben die Studenten, eine Kombination sei "nicht sinnvoll". Sie lasse sich nicht "mit einer gezielten Ausbildung im Umgang mit schwerstkranken und sterbenden Menschen" vereinbaren.

Krebspatienten mit palliativer Unterstützung hatten weniger Depressionen

Nicht wenige Menschen fallen am Ende ihres Lebens in ein tiefes Loch: Sie sind unglücklich mit dem, was sie getan haben, stellen fest, wie einsam sie in Wirklichkeit sind, oder sehen keinen Sinn mehr in dem ihnen verbleibenden Leben. Um in dieser Situation zu helfen, benötigen Ärzte spezielle Fähigkeiten, für deren Erwerb sie sich auch mit ihrer eigenen Endlichkeit auseinandergesetzt haben sollten, sagt Borasio: "Jedem Menschen sollte die Möglichkeit gegeben werden, wie Rilke sagt, 'seinen eigenen Tod' zu sterben." Dafür liefere die Palliativmedizin wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse.

Wie wichtig palliative Arbeit ist, zeigte eine aufsehenerregende Studie aus den USA: Patienten mit einem unheilbaren Lungenkrebs, die gleich nach der Diagnose auch palliativ behandelt wurden, litten nicht einmal halb so oft an Depressionen, hatten eine höhere Lebensqualität - und lebten fast drei Monate länger als Patienten, die nur Chemotherapie und Bestrahlung bekamen (NEJM, Bd. 363, S. 733, 2010).

Ungeachtet solcher Erkenntnisse wurden in Deutschland zuletzt nur noch Professuren für Palliativmedizin eingerichtet, die zumeist der Onkologie oder Anästhesie untergeordnet wurden. Dabei hatte die Deutsche Krebshilfe als Stifterin der meisten dieser Lehrstühle ausdrücklich deren Souveränität gefordert. Noch immer täten sich die Hochschulen schwer, "der Palliativmedizin die dringend notwendige Eigen- und Selbstständigkeit zu geben", beklagt Krebshilfe-Geschäftsführer Gerd Nettekoven.

Borasio hofft, dass die Politik nun doch noch zu Gunsten der Eigenständigkeit der Palliativmedizin entscheidet. "Palliativmedizin und Schmerztherapie sind beides wichtige Fächer", betont er. "Sie haben ihren jeweils eigenen Platz im Medizinstudium verdient."