Ebola "Das Zeitfenster zum Handeln schließt sich"

Ein Aktivist läuft mit eindeutiger Aufforderung ("Ebola verschwinde!") durch die Straßen von Abidjan in der Elfenbeinküste, dem Nachbarland Liberias

(Foto: AFP)

Es wird immer schwieriger, die Ebola-Epidemie aufzuhalten. In Westafrika starben 400 Menschen innerhalb von nur einer Woche. Hat ein infizierter Mediziner nun Nigeria zu einem neuen Seuchenherd gemacht?

Von Hanno Charisius

Am Mittwochabend hat die Weltgesundheitsorganisation WHO neue alarmierende Zahlen zur aktuellen Ebola-Epidemie in West-Afrika bekannt gegeben. Demnach sind bislang 3500 Menschen erkrankt und 1900 von ihnen an der Infektion gestorben. Allein in der vergangenen Woche kamen 400 Todesfälle hinzu. Tom Frieden, Direktor der amerikanischen Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control rechnet damit, dass sich die Seuche weiter schnell ausbreitet.

Auf einer Pressekonferenz sagte er, dass die Staatengemeinschaft sehr schnell handeln müsse, wenn sie die Krankheit doch noch unter Kontrolle bringen wolle. "Das Zeitfenster zum Handeln schließt sich bald." Forscher hatten in einer Simulation zuvor berechnet, dass die Zahl der Infizierten bis Ende des Monats 10 000 erreichen könnte, falls die Maßnahmen nicht deutlich verstärkt werden.

Am schlimmsten betroffen ist bislang Liberia, erschreckend ist aber auch die Entwicklung in Nigeria: In der Metropole Lagos war bereits am 20. Juli ein Infizierter aus Liberia angekommen. Vor seinem Tod steckte er einen Mann an, der zwar unter Quarantäne gestellt wurde. Der Patient flüchtete jedoch in einem Flugzeug nach Port Harcourt, einer Industriemetropole im Süden des Landes. Heimlich ließ er sich in seinem Hotelzimmer von einem Arzt behandeln.

Ein Arzt gilt als Patient null in der nigerianischen Hafenstadt

Der Patient erholte sich, doch sein Arzt entwickelte am 11. August Symptome. Er behandelte noch weitere zwei Tage lang Patienten, bevor er zunächst zu Hause blieb und schließlich in eine Klinik gebracht wurde, wo er die Ursache seiner Krankheit aber verschwieg. Nach Angaben der WHO hatte er mit fast der gesamten Belegschaft des Krankenhauses Kontakt, bis er sechs Tage später starb. Er gilt als Patient null des Ausbruchs in der Hafenstadt.

Mittlerweile sind mehr als 200 Personen bekannt, mit denen der Arzt in seinen letzten Tagen Kontakt hatte, darunter Familienmitglieder und Freunde, mit denen der Infizierte die Geburt eines Kindes gefeiert hatte. Außerdem sollen Mitglieder seiner Kirchengemeinde Heilungsrituale an dem Mann versucht haben, bei denen sie den Kranken mit bloßen Händen berührten und sich dabei möglicherweise ansteckten.

Die WHO hat inzwischen Mitarbeiter nach Port Harcourt geschickt und Teams geschult, die alle Kontaktpersonen des Arztes finden, überwachen und nötigenfalls in das neu errichtete Behandlungszentren bringen sollen. Zwei Dekontaminationstrupps und ein Beerdigungsteam stehen ebenfalls bereit. Virologen vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin bauen derzeit Diagnoselabore in Port Hartcourt auf.

Der Ebola-Ausbruch hat eine gewisse Größe erreicht und verselbständigt sich

Theoretisch ist es nicht besonders schwierig, das Ebolavirus zu stoppen: Man isoliert und behandelt die Erkrankten und überwacht die Kontaktpersonen. So war es zumindest in der Vergangenheit immer. Dass es dieses Mal derart eskalieren würde, damit habe niemand gerechnet, sagt der Hamburger Tropenmediziner Bernhard Fleischer. Ab einer gewissen Größe verselbständige sich ein solcher Ausbruch. "Die Helfer sind von der großen Zahl der Kranken überfordert."

An der katastrophalen Situation können auch Medikamente zurzeit nichts ändern. Seit Donnerstag diskutieren 200 Experten auf Einladung der WHO in Genf darüber, unter welchen Umständen Ärzte Wirkstoffe verordnen dürfen, die in Tests zwar gegen das Virus geholfen haben, aber bislang nicht für die Behandlung von Menschen zugelassen sind. Fleischer rechnet damit, dass die WHO zeitnah einige Arzneien empfiehlt. "Das wird in einigen Fällen hilfreich sein, aber sicher nicht die Wende bringen."