E-Zigaretten Während die Forscher noch debattieren, greifen immer mehr Konsumenten zur E-Zigarette

Dem positiven Zeugnis für E-Zigaretten schließen sich Experten wie Thomas Hartung nur bedingt an. "Nikotin ist sicher keine gute Substanz", sagt der Lehrstuhlinhaber für evidenzbasierte Toxikologie an der Johns Hopkins Universität. "Wir wissen, dass die Produkte Risiken haben." So könne Nikotin die Apoptose, den programmierten Zelltod, stimulieren, und erhöhe somit das Krebsrisiko. Auch fruchtschädigende Wirkungen und eine Verengung der Blutgefäße seien nachgewiesen. Dennoch würde Hartung hartgesottenen Rauchern "unbedingt zum Umstieg raten". Das Gesundheitsrisiko sei mit E-Zigaretten sicher "um den Faktor Zehn reduziert", sagt Hartung. Einfach weil man dabei 4000 potenziell schädliche Substanzen weniger einatme.

Während die Experten diskutieren, schaffen die Konsumenten Fakten. 2013 machten die E-Zigaretten-Hersteller erstmals mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz - immer noch ein Bruchteil des Hunderte Milliarden Dollar schweren Tabakmarkts, doch jeden Monat kommen rund zehn Marken dazu. Forscher von der Universität San Diego zählten 7700 verschiedene Geschmacksrichtungen, von Tiramisu bis Waldfrucht. In Deutschland erwartet die Branche 2014 einen Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro.

Der Boom bringt Wissenschaftler in ein Dilemma: Elektronische Zigaretten sind zwar nicht gesund, die Risiken nicht quantifiziert - soll man sie dennoch empfehlen, einfach weil die Alternative noch schädlicher ist? Einige befürchten zudem, dass E-Zigaretten nicht nur auf Raucher anziehend wirken, die ihre Sucht in den Griff bekommen wollen - sondern auch Jugendliche zum Nikotinkonsum verleiten. Zumal, wenn das Dampfen als "gesündere" Alternative beworben wird. Das Deutsche Krebsforschungszentrum warnte bereits vor süß schmeckenden "E-Shishas", die auf Pausenhöfen zirkulieren.

Nicht einfacher wird die Situation dadurch, dass große Tabakkonzerne die E-Zigarette als Zukunftsprodukt entdecken, nachdem sie den Trend lange verschlafen haben. Reihenweise werden derzeit E-Zigaretten-Hersteller von Branchenriesen wie Japan Tobacco geschluckt. Die Industrie fürchtet, dass die E-Zigarette ihr "Kodak-Moment" sein könnte - und sie ähnlich wie der Hersteller analoger Filme den Sprung in ein neues Zeitalter verpasst. Nun Produkte der Tabakindustrie zu empfehlen, stößt Aktivisten bitter auf, denn Big Tobacco hat kaum ein aufrichtiges Interesse daran, Raucher von ihrer Sucht zu befreien. In vielen Ländern geht der Konsum von Zigaretten zurück. Die Strategen der Industrie dürften versuchen, den Konsum auf anderem Wege zu stabilisieren.

In dieser verworrenen Gemengelage fehlen Forschern vor allem Daten über mögliche Risiken der E-Zigarette. "Das Nikotin gelangt beim Dampfen viel schneller in die Blutbahn. Das könnte ein Grund sein, warum Raucher so gern umsteigen", sagt Compton. "Wir wissen noch nicht, wie sich diese schnellere Aufnahme auf den Körper auswirkt." Unklar ist auch, welche Chemikalien beim Verdampfen der Aromastoffe entstehen, die in vielen der "Liquids" - den auswechselbaren nikotinhaltigen Flüssigkeitscontainern - enthalten sind.

"Die Konsumenten sind der Wissenschaft enteilt, wir müssen das aufholen", fasst Compton die Situation zusammen. In den USA hat die mächtige "Food and Drug Administration" (FDA) deshalb ein milliardenschweres Forschungsprogramm aufgelegt, um Langzeitfolgen des Dampfens zu untersuchen, und ebenso mögliche Auswirkungen auf "Passivdampfer". Mit Ergebnissen rechnen die Forscher in ein bis zwei Jahren. In Europa gibt es bislang nichts Vergleichbares.