Dubiose Therapie in Deutschland Mekka der Frischzellenkur

Angeblich Heilkraft im Bauch: Zellen aus den Organen ungeborener Lämmer könnten Krankheiten lindern, versprechen manche Ärzte.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Verjüngungskuren mit Zellen von Schafen gelten weltweit als ziemlich gefährlich. Doch in Deutschland kümmert das kaum jemanden. Die bizarre Behandlung erlebt eine Renaissance.

Von Christina Berndt

Das Land der Verheißung lag für sie in der Alten Welt: Im Mai 2014 machte sich eine Gruppe älterer Herrschaften aus dem Staat New York auf den Weg nach Deutschland. Es ging ihnen nicht um Neuschwanstein oder die Reste der Berliner Mauer. Die Amerikaner suchten ihr Heil in einer verführerischen Therapie, die bei ihnen zu Hause ebenso wie in den meisten Teilen der Welt seit Langem verboten ist.

In Good old Germany aber gibt es bis heute Zugang zu einer Behandlung, die nicht nur als Jungbrunnen vermarktet wird, sondern auch gleich Linderung bei einer ganzen Reihe von Krankheiten verspricht: Manche der New Yorker litten unter Multipler Sklerose, andere unter Parkinson oder Vorhofflimmern. Gegen all das sollten "Frischzellen" helfen - Zellmixturen, wie sie vorzugsweise aus den Organen ungeborener Lämmer oder anderer Tiere gewonnen werden. Bei "Dr. med. R. Janson-Müller" in Edenkoben in Rheinland-Pfalz ließen sich die New Yorker solche Zellen in die Muskeln spritzen.

Ob sie sich hernach jünger fühlten, ist nicht bekannt. Kurz nach ihrer Rückkehr bekamen fünf von ihnen jedoch ein merkwürdiges Fieber. Sie litten unter Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Müdigkeit. Die Amerikaner zwischen 59 und 83 Jahren hatten sich mit Q-Fieber infiziert, einer hochansteckenden Schafkrankheit, die zu Lungenentzündung, Herzmuskelentzündung und auch zum Tod führen kann. Auch eine Kanadierin erkrankte. Das Q-Fieber war offenbar mit der Zell-Spritze von den Tieren auf die Menschen übertragen worden. Ende September warnte die US-Seuchenschutzbehörde deshalb vor solch bizarren Therapien in Deutschland.

Seit den 1930er-Jahren schon verheißen Verfechter der Frischzellentherapie ihren Patienten Heilung von fast jeder Krankheit. Sexuelle Funktionsstörungen sollen die Zellen vom Schaf ebenso beseitigen wie gewöhnliche Alterserscheinungen, wenn sie in möglichst kurzer Zeit, "frisch", den Übergang vom Lämmchen in den Körper der Patienten schaffen. Doch auf der Euphorie-Welle, wie sie die Stammzell-Hoffnungen der jüngsten Zeit befördert haben, erfährt die Therapie mit Frischzellen derzeit eine ungeahnte Renaissance.

In Deutschland bieten nach Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung Hunderte Ärzte und Heilpraktiker solche Zellbehandlungen an. Hochburgen sind dabei Bayern und Rheinland-Pfalz. In Edenkoben mit seinen 7000 Einwohnern gibt es neben Dr. Janson-Müller auch noch die Villa Medica Healthcare GmbH & Co KG, die gerade ihren Besitzer gewechselt hat und nun gezielt auf Kunden aus Asien setzt. Bis zu 800 Patienten pro Jahr würden erwartet, teilt die neue Geschäftsführung mit, das Standardpaket koste 4500 Euro. Wie Villa Medica und Janson-Müller betonen mehrere Anbieter, dass sie keine Frischzellen im klassischen Sinne mehr verwenden, sondern abgetötete oder ultrafiltrierte Zellen. Sie sprechen lieber von "Organo-Therapeutika", oder "Organ-Peptiden". Eine Infektion mit Q-Fieber sei mit dem neuen Verfahren ausgeschlossen, betont Janson-Müller.

Ob frisch, getrocknet oder ultrafiltriert: In den Augen unabhängiger Experten macht das mit Blick auf die Risiken jedoch keinen Unterschied. "Die Sicherheit vor Erregern ist auf diese Art nicht zu garantieren", sagt zum Beispiel der Pharmazeut Wolfgang Becker-Brüser von der pharmakritischen Zeitschrift Arznei-Telegramm. Weltweit warnen Gesundheitsbehörden seit Jahren vor Therapien mit tierischen Zellen, weil diese immer auch die Gefahr einer Infektion für Menschen mit sich bringen. Noch dazu ist niemals nachgewiesen worden, dass die Frischzellenbehandlung irgendetwas nützt. Dafür wurden gefährliche Komplikationen bekannt.

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