Depressionen Hilfreicher Stromschlag ins Gehirn

Die Elektrokrampftherapie kann schwerste Depressionen lindern. Doch Patienten mit Stromstößen zu behandeln, weckt Ängste und beschwört das Bild einer menschenverachtenden Psychiatrie. Deshalb wird die Methode nur selten eingesetzt

Von Thomas Wagner-Nagy

Der Psychiater aktiviert den Stromfluss. Sofort fällt der Kopf seiner Patientin in den Nacken. Ihr Körper verkrampft sich und wirkt schmerzverzerrt - obwohl sie tief schläft. Was wie eine Hinrichtungsmethode anmutet, soll Menschen vor dem Tod bewahren. Nach acht Sekunden wird der Strom abgestellt. Marlene Weidmanns (Name geändert) Körper beginnt zu beben, ein Krampfanfall setzt ein. Er ist gewollt.

Geräte zur Elektrokrampftherapie an der Psychiatrischen Uniklinik in München. Die Behandlung scheint Patienten mit Depressionen zu helfen - auch wenn unklar ist, wie.

(Foto: CATH)

Am heftigsten zittern die Beine. Ihr Puls rast auf 140 Schläge pro Minute hoch. Haltevorrichtungen am Bett sollen verhindern, dass Patienten herunterfallen. Nach 45 Sekunden ist alles vorbei. Der Körper beruhigt sich. Nach drei Minuten setzt die Muskelaktivität wieder ein, die zuvor durch ein Relaxans unterdrückt wurde.

Marlene Weidmann liegt auf dem Narkosetisch der Depressionsstation C1 der Münchner Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Am meisten Sorgen schien ihr vorher der Nadelstich für den Katheter zu machen. Dabei wird mehrmals wöchentlich Strom durch ihr Gehirn geleitet. Unter Vollnarkose und strenger Aufsicht.

Das Verfahren nennt sich Elektrokrampftherapie (EKT) und ruft bei vielen Menschen schaurige Assoziationen hervor. Vielleicht deshalb bevorzugen Ärzte den Begriff Elektrokonvulsionstherapie, der nicht ganz so martialisch klingt. Die Behandlung soll das Leiden von Patienten mit schwersten Depressionen lindern. Durch einen etwa acht Sekunden langen Stromfluss ins Gehirn springen sämtliche Neuronen an. Alle Muskeln werden gleichzeitig stimuliert, was zu einem epileptischen Anfall führt. Er soll neuronale Verknüpfungen beeinflussen und dadurch die Depression bekämpfen.

Bei Marlene Weidmann war es die Geburt ihres Sohnes, die die 41-Jährige aus dem Berufsleben und in den Abgrund riss. "Als das Kind ständig krank war und dazu noch ein motorischer Entwicklungsrückstand diagnostiziert wurde, ist mir erst die große Verantwortung bewusst geworden, die ich als Mutter trage", sagt sie. "Das war in dem Moment einfach zu viel." Sie beging mehrere Suizidversuche, bis sie ihr Ehemann ins Krankenhaus brachte. Es folgte die klassische Behandlung mit Antidepressiva. Doch auch verschiedene Medikamente halfen nicht gegen die akute Depression. Die Ärzte empfahlen ihr die EKT.

Seit den 1930er Jahren wird die EKT zur Behandlung schwerster Depressionen und Katatonien, also lebensgefährlichen Verkrampfungen des gesamten Körpers, eingesetzt. Das Verfahren wurde stetig weiterentwickelt, um die Schmerzen der Patienten zu minimieren. "Früher kam es teils zu so heftigen Krampfanfällen, dass sich die Patienten durch die Zuckungen Arme und Beine brachen. Heute verabreichen wir ihnen ein Mittel zur Muskelentspannung, um das zu vermeiden", sagt der behandelnde Arzt.

Ein bisschen frustrierend ist das manchmal schon, weil wir mit etwas arbeiten, das wir nicht verstehen", sagt Anästhesist Thomas Reiter, während er die Körperfunktionen seiner Patientin in der Aufwachphase überprüft. In der Tat ist über den eigentlichen Wirkmechanismus der EKT so gut wie nichts bekannt.

Zwar sprach sich der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer schon 2003 klar für die EKT als "bestmögliche Behandlung für bestimmte psychiatrische Erkrankungen" aus, ließ aber offen, wieso die Methode eigentlich helfen soll.

Mittlerweile wissen Forscher, dass manche Hirnareale bei depressiven Patienten stärker vernetzt sind und miteinander kommunizieren als bei gesunden Menschen. Diese Hyperkonnektivität zu reduzieren, verspricht also Erfolg bei der Therapie von Depressionen.

Eine Studie an der britischen University of Aberdeen unter der Leitung von Christian Schwarzbauer hat nun ein wenig mehr Licht ins Dunkel gebracht. Die Wissenschaftler konnten mithilfe von Kernspintomographie im Vorher-Nachher-Vergleich zeigen, dass die Hyperkonnektivität in den Gehirnen der Patienten nach einer EKT-Behandlung stark abnahm.

Je stärker der Stromschlag die Überaktivität senken konnte, desto besser fühlten sich die Patienten hinterher. Allerdings nahmen nur neun Patienten an der Studie teil, nicht gerade viel. Nun bedeutet eine geringe Anzahl an Probanden nicht zwingend, dass die Studie wertlos ist. Fest steht aber, dass die Datenlage in Bezug auf den Wirkmechanismus der EKT weiterhin dünn ist.

Dessen ungeachtet, bekräftigten jüngst die psychiatrischen Fachgesellschaften in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol in einer gemeinsamen Erklärung die Wirksamkeit der EKT und betonten, dass sich das Risiko für lebensgefährliche Komplikationen kaum von dem einer üblichen Kurznarkose unterscheide. Die Fachgesellschaften sprechen sich dafür aus, die EKT künftig nicht mehr nur als Ultima Ratio, sondern früher im Behandlungsverlauf einzusetzen.