Antidepressiva Unterschätzter Effekt

Die Einnahme von Antidepressiva wird oft von starken Nebenwirkungen begleitet.

(Foto: Franziska Koark/dpa)

Populäre Antidepressiva erhöhen die Neigung zum Suizid und verstärken Unruhe und Aggression. Da viele Nebenwirkungen lückenhaft dokumentiert werden, ist die tatsächliche Gefahr womöglich noch größer.

Von Werner Bartens

Wer ein Medikament gegen Depressionen nimmt, rechnet nicht damit, dadurch aggressiv zu werden und in Selbstmordgefahr zu geraten. Vor diesen Nebenwirkungen warnen Ärzte jedoch im British Medical Journal (Bd. 352, S. i65; 2016). Demnach verdoppelt sich das Risiko für Aggressionen und Suizidalität unter der Behandlung mit bestimmten Antidepressiva bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

Die dänischen Ärzte um Tarang Sharma hatten in einer Metaanalyse Daten von mehr als 18 000 Patienten aus 70 Studien untersucht, die Antidepressiva einnahmen. Dabei konzentrierten sie sich auf die populären SSRI und SNRI - sie verzögern die Wiederaufnahme der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin im Gehirn, was zur Stimmungsaufhellung beitragen soll. Die Nachanalyse der Originaldaten ergab, dass Patienten unter den Antidepressiva doppelt so oft aggressiv waren.

Während Erwachsene als auffälligste Nebenwirkung motorisch unruhig wurden, nahm bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Suizidneigung sowie Aggressivität und Unruhe zu. Beides war mehr als doppelt so häufig wie in Vergleichsgruppen, die Scheinmedikamente bekamen. Die motorische Unruhe äußert sich nicht nur als Bewegungsdrang im Sitzen, sondern kann auf die Neigung zu Gewalt und suizidale Tendenzen hinweisen.

Psychiater wissen, dass manche Antidepressiva das Risiko für eine Selbsttötung erhöhen. Wird medikamentös der Antrieb gesteigert, steigt womöglich auch die Bereitschaft für eine solche Tat. Im Zusammenhang mit Wiederaufnahmehemmern vom Typ SSRI und SNRI wird immer wieder davor gewarnt, dass sie bei jungen Menschen den Gedanken verstärken können, sich umbringen zu wollen.

"Die Gefahr durch diese Mittel wird massiv untertrieben", so die Autoren. "Viele Studien sind von unzureichendem Design und schlecht dokumentiert." So fanden sich nur in 32 der bereits nach Qualitätskriterien ausgesuchten 70 Studien Verlaufsbögen und Auflistungen konkreter Nebenwirkungen. In von der Pharmaindustrie gesponserten Studien wurden vier Todesfälle in der Therapiegruppe nicht erwähnt. Zudem wurde die Hälfte aller Suizidversuche und suizidalen Gedanken lediglich als "emotionale Labilität" oder "Verschlechterung der Depression" beschrieben.

"In Studien wird das Ausmaß der Schäden durch Medikamente vermutlich unterschätzt", schreibt Joanna Moncrieff von der Universität London in einem Kommentar. "Kontrollbehörden und Öffentlichkeit brauchen bessere Daten." Die Autoren fragen sich, wie viele Nebenwirkungen sie wohl entdeckt hätten, wenn alle Studiendaten vollständig wären - und warum die Firmen sie zurückhalten. Einstweilen empfehlen sie den "minimalen Gebrauch" von Antidepressiva bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.