Debatte um ADHS Wie stark darf der Philipp zappeln?

Kinder werden heute vorschnell mit Ritalin ruhiggestellt, lautet eine verbreitete Meinung. Doch wieviel Wahrheit steckt darin?

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Kritiker halten ADHS für eine Modekrankheit, die zu oft diagnostiziert wird. Doch Psychiater verweisen auf ähnliche Quoten in anderen Ländern. Fest steht, kein ernsthafter Mediziner zweifelt an der Existenz der seelischen Erkrankung.

Von Christian Weber

Die Aufregung ist mal wieder groß, so wie immer, wenn es um psychische Störungen und deren Behandlung mit Medikamenten geht. Ein Report der Krankenkasse Barmer GEK will festgestellt haben, dass die deutschen Ärzte im Begriff sind, aus den Kindern von heute eine "Generation ADHS" zu machen.

Einige der Befunde klingen auf den ersten Blick tatsächlich dramatisch. So sei die Zahl der Diagnosen von ADHS bei Kindern und Jugendlichen bis zum Alter von 19 Jahren seit 2006 um 42 Prozent gestiegen, unter den Zehnjährigen sei nunmehr jeder achte Junge von der Störung betroffen, die sich durch große Defizite bei der Aufmerksamkeit, durch Hyperaktivität und Impulsivität auszeichnet und ausgeschrieben Aufmerksamkeits-Defizit/Hyperaktivitäts-Syndrom heißt. Besonders schlimm sei es in Würzburg: "Welthauptstadt der ADHS-Fälle", sagt Studienleiter Friedrich Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover. In dieser Region sei im Jahr 2011 bei 18,8 Prozent der Jungen und 8,8 Prozent der Mädchen ADHS festgestellt worden, doppelt soviel wie im Bundesdurchschnitt. In Mecklenburg-Vorpommern hingegen trete die Krankheit mit einer weit unter dem Durchschnitt liegenden Häufigkeit auf.

Warum Würzburg?

Spätestens hier ist der Hinweis fällig, dass es sich bei der Krankenkassen-Studie um eine zwar interessante Bestandsaufnahme handelt, die weitere Nachforschungen anstoßen sollte. Aber es ist keine nach den Regeln der Wissenschaft in einer Fachzeitschrift publizierte Studie, die vor der Drucklegung wie in der Forschung üblich von Fachkollegen begutachtet wurde.

Die hätten nämlich viele kritische Fragen gestellt. Zum Beispiel: Ist es nicht plausibel, dass angesichts der verstärkten Aufmerksamkeit für ADHS in den letzten Jahren Hausärzte verhaltensauffällige Kinder häufiger mit der Verdachtsdiagnose ADHS zum Facharzt schicken? Irgendetwas muss er auf seinen Abrechnungszettel schreiben. Stimmt also der Verdacht, dass solche Erstdiagnosen in die Statistik eingehen, selbst dann, wenn Kinder- und Jugendpsychiater sie letztlich nicht bestätigen?

Würzburg ist als Zentrum der Kinder- und Jugendpsychiatrie bekannt. Muss man nun vermuten, dass übereifrige Fachärzte jedes Kind mit dem ADHS-Etikett versehen, so sie es in die Finger kriegen? Oder könnte es sein, dass das dortige große Ärzte-Aufgebot Eltern mit besonders schwierigen Kindern aus weiter entfernten Teilen Deutschlands anzieht? Umgekehrt in Mecklenburg-Vorpommern: Hier klagen die Gesundheitspolitiker schon lange, dass das Land psychiatrisch unterversorgt sei und viele Hilfesuchende vergebens nach einem Arzt suchen. Das alles sind langweilige methodische Fragen, sie sind aber extrem wichtig für eine saubere Statistik.