Contergan in Spanien Verdacht auf Vertuschung

Noch Jahre nach dem Contergan-Skandal in Deutschland wurde der Wirkstoff in Spanien eingenommen. Hat das Pharmaunternehmen die Spanier nicht über die Gefahr von Fehlbildungen im Mutterleib infomiert? Betroffene wollen nun vor Gericht Gewissheit.

Von Thomas Urban

Rafael Basterrechea ist 1,95 Meter groß, er hat ein breites Kreuz und ein lautes ansteckendes Lachen. "Ich bin bärenstark", sagt er und zeigt seinen rechten Bizeps. Der linke sei leider weniger vorzeigbar, fügt er mit einem schiefen Grinsen hinzu. Sein linker Arm ist verkürzt, die Hand deformiert. Basterrechea ist der Vizepräsident der Vereinigung der Thalidomid-Opfer Spaniens (Avite).

Der Wirkstoff wurde vom heute in Aachen ansässigen Pharmakonzern Grünenthal hergestellt, das bekannteste Medikament, das ihn enthielt, war Contergan. 200 Mitglieder zählt der Verein, der nun sein Recht auf Entschädigung erstreiten möchte. Die Gesamtzahl der Betroffenen, von denen viele jung gestorben sind, wird auf 3000 geschätzt. An diesem Montag findet vor dem Madrider Bezirksgericht die letzte Anhörung statt, bevor in etwa einem Monat die Urteilsverkündung ansteht.

Immerhin kann der 48-jährige Bauingenieur mit der deformierten Hand zugreifen; allerdings muss er orthopädische Schuhe tragen und ständig ein Medikament nehmen, um den Blutdruck auf die Augen zu senken. Als er geboren wurde, war der verkürzte linke Arm am Rücken angewachsen, in seinen ersten Lebensjahren wurde er sieben Mal operiert.

Heute sagt er: "Ich wollte trotzdem immer alles machen, was meine Alterskameraden auch können." Also lernte er Fahrradfahren und schwimmen. Auch hat er später den Führerschein gemacht, sein Minibus hat Automatikgetriebe und einen Metallknauf am Lenkrad, der das einarmige Steuern erlaubt. Er hat geheiratet, stolz zeigt er das Hochzeitsfoto mit der bildhübschen Braut, der Sohn ist mittlerweile 15 Jahre alt und kerngesund.

Doch bei einem Großteil der Avite-Mitglieder sind alle Gliedmaßen verkrüppelt, manchen fehlen Hände oder Füße ganz, viele sitzen im Rollstuhl und sind ständig auf Hilfe angewiesen. Basterrechea erfuhr erst vor acht Jahren zufällig durch Presseberichte, dass er mit seiner Deformierung nicht allein steht. Seitdem las er alles, was er über den Contergan-Skandal finden konnte. Er erfuhr, dass in der Bundesrepublik das Medikament Ende 1961 vom Markt genommen wurde.