Diskussion um Krankenkassen Hoffentlich nicht privat versichert!

High-Tech-Medizin im Krankenhaus - aber muss die wirklich immer sein?

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Privatpatienten werden bevorzugt - und zwar bevorzugt unnötig behandelt. Eine Krankenversicherung für alle ist aus medizinischer Sicht sinnvoll.

Kommentar von Werner Bartens

Wer ein Herz für Besserverdiener, Freiberufler und Beamte hat und es gut mit ihnen meint, der muss warnen: hoffentlich nicht privat versichert. Schließlich sind diverse Risiken für Leib und Leben damit verbunden. Wer privat versichert ist, wartet kürzer auf unnötige Röntgenaufnahmen, auf überflüssige Tests und Therapien.

Nachweislich erleiden Privatversicherte mehr Doppeluntersuchungen und fragwürdige Behandlungen. Sie sind die Cashcows der Ärzte. Deshalb werden sie früher drangenommen und medizinisch ausgiebiger traktiert. Darin liegt das eigentliche Übel der Zwei-Klassen-Medizin.

Insofern ist die Diskussion über die Bürgerversicherung und die Existenzberechtigung der privaten Krankenversicherung eine Scheindebatte. Sie geht von falschen Annahmen aus, etwa: dass mehr Medizin automatisch gesünder macht. Die alten Mythen werden gern aufrechterhalten, weil gleich mehrere Interessengruppen davon profitieren. Neben den Ärzten auch die Kliniken, Krankenhaus- und IT-Konzerne, die Medizinindustrie, also die ganze wuchernde Branche, die sich - so paradox wie beschönigend - Gesundheitswirtschaft nennt, obwohl sie davon lebt, die Menschen kränker zu machen.

Patienten werden krank geredet und so auch krank gemacht

Die Patienten selbst pflegen ihren Irrglauben, dass sie besser versorgt werden, wenn sie privat versichert sind. Dabei ist längst bekannt, dass eine der größten Bedrohungen im modernen Gesundheitswesen Überdiagnostik und Übertherapie ist, also ein Zuviel sowie falsche Untersuchungen und Behandlungen. Schon 2002 warnten Ärzte in weltweit führenden Fachzeitschriften vor "zu viel Medizin". 2011 starteten weitsichtige Ärzte die internationale Kampagne "Klug entscheiden" mit dem Aufruf "Weniger ist mehr" und forderten ihre Kollegen auf, sich auf das erwiesenermaßen Sinnvolle und Nützliche zu beschränken. Nicht um an den Patienten zu sparen, sondern um ihnen Überflüssiges zu ersparen.

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Die Fortschritte in der Bildgebung und immer ausgefeiltere Methoden der Diagnostik haben dazu geführt, dass es nach dem Besuch beim Arzt kaum noch Gesunde gibt, sondern vor allem Menschen mit unklaren und also kontrollbedürftigen Befunden. Hier die unübliche Variante des Gefäßverlaufs, da die kleine Auffälligkeit im Organgewebe - und diese leicht erhöhten Biomarker! Diese Entwicklung der Medizin liefert zahlreiche Detailbefunde ohne Bedeutung, die nicht nur viel Geld kosten, sondern die Menschen massiv verunsichern. Sie werden auf diese Weise krank geredet und krank gemacht und fühlen sich allenfalls noch gesund auf Probe - bis zur nächsten Untersuchung.

Für die Weichenstellung in der Gesundheitspolitik bedeutet dies, sich endlich von der privaten Krankenversicherung zu verabschieden mitsamt ihren bizarren Exzessen der Überversorgung. Im Alltag werden Privatversicherte bevorzugt und bevorzugt unnötig behandelt - während gesetzlich versicherte Kranke oft unnötig lange warten müssen. Standesverbände und Selbstverwaltung dulden es, dass Ärzte trotz ihres Versorgungsauftrags für alle nur noch Privatpatienten neu annehmen oder gesetzlich Versicherte mit obszön langen Wartezeiten vergraulen. Ein unhaltbarer Zustand, der nebenbei den Arzt zum Geschäftsmann degradiert. Wer hat nicht schon beim Doktor gehört, dass er Privatpatienten zur "Quer-Subventionierung" braucht, wenn er gesetzlich Versicherte behandelt? Doch solange die meisten Entscheider in Wirtschaft, Medizin und Politik selbst privat versichert sind, werden die unsolidarischen und verkommenen Strukturen wohl fortbestehen.

Auch das System der gesetzlichen Krankenversicherung bietet Fehlanreize. Technische Methoden, Laboruntersuchungen und invasive Eingriffe werden weit besser honoriert als die viel beschworene "sprechende" Medizin. Sich auf das zu konzentrieren, was hilfreich und nötig ist - Stichwort evidenzbasierte Medizin - und dies politisch stärker einzufordern, würde in einer Bürgerversicherung die gute Versorgung für alle sicherstellen.

Wer sich abheben und mehr Luxus will, der würde keine andere Behandlung und keine anderen Ärzte bekommen. Vielmehr gäbe es die Möglichkeit, sich statt Schmelzkäseecken an Graubrot ein besseres Klinikessen oder größere Zimmer zu leisten. Wünschenswert wäre eine Medizin analog zur Bahn: Mehr Service und Beinfreiheit kann man in der ersten Klasse zwar kaufen. Die Grundversorgung wäre aber wie in der zweiten Klasse: Man käme gleichzeitig und genauso sicher an.

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