Brustkrebsmedikamente Zu gut, um wahr zu sein

Viele Studien übertreiben den Nutzen neuer Medikamente zur Behandlung von Brustkrebs. Das gilt beileibe nicht nur für Untersuchungen, die von Pharmafirmen finanziert wurden.

Katrin Blawat

Viele Studien zu Brustkrebstherapien stellen die Versuchsergebnisse zu positiv dar. Der Nutzen des getesteten Medikaments erscheint zu hoch, während schwere Nebenwirkungen nur versteckt erwähnt werden. Wie verbreitet diese Praxis ist, berichten Onkologen um Francisco Vera-Badillo von der University of Toronto (Annals of Oncology, online).

Sie analysierten 164 Veröffentlichungen aus den Jahren 1995 bis August 2011. Es handelte sich um sogenannte Phase-Drei-Studien zu verschiedenen Brustkrebstherapien. Phase-Drei-Studien schließen viele Tausend Patienten ein und sind meist der letzte Schritt, ehe ein neues Medikament zugelassen werden kann. Vor Beginn einer solchen Studie legen die Forscher fest, welches Kriterium als Maßstab für den Erfolg der Therapie gilt (primärer Endpunkt). Häufig handelt es sich um die Zahl der überlebenden Patienten oder deren Überlebensdauer.

In jeder dritten der untersuchten Studien brachte die getestete Therapie gemäß diesem vorher festgelegten Endpunkt keinen Vorteil gegenüber der Kontrollgruppe, die Patienten lebten also zum Beispiel nicht länger. Dennoch wurde die Therapie als vorteilhaft dargestellt. Ob Pharmafirmen eine Studie finanziert hatten - was bei zwei Drittel der Fall gewesen war -, spielte dabei übrigens keine Rolle.

Plausibel versuchten die Autoren der jeweiligen Studien ihre Argumentation zu machen, indem sie andere Vorteile der Therapie betonten: Vorzüge, die ursprünglich nicht im Zentrum des Interesses gestanden hatten, etwa langsameres Fortschreiten der Krankheit oder bessere Lebensqualität der Patienten. Diese Faktoren sind unumstritten auch wichtig. Schlussfolgerungen aus diesen Ergebnissen können aber in die Irre führen, wenn die Studie ursprünglich andere Fragestellungen hatte.

Weiter kritisiert das Team um Vera-Badillo, dass mehr als zwei Drittel der untersuchten Studien nur unzureichend über schwere Nebenwirkungen der Therapie berichteten. Hinweise auf Schäden fanden sich in diesen Fällen zum Beispiel weder in der Diskussion und Einordnung der Ergebnisse noch in der Zusammenfassung. Diese ist besonders wichtig, da auch Fachleute sie oft als den einzigen Teil einer Studie lesen. Tauchen Informationen dort nicht auf, gehen sie in vielen Fällen verloren.

Und das kann Folgen haben, die sich letztendlich auf die Patienten und deren Therapie auswirken. "Verzerrungen in klinischen Studien können zu einer falschen Wahrnehmung des Nutzens und der Sicherheit eines Medikaments führen", schreiben Vera-Badillo und seine Kollegen. Sie fordern Richtlinien dazu, wie Autoren über klinische Studien berichten sollen. Solche Vorgaben machen viele Fachzeitschriften bereits. Doch das allein nützt auch nicht immer: Untersuchungen haben gezeigt, dass weder die Autoren noch die Magazine oder die von ihnen beauftragten Gutachter immer auf die Einhaltung dieser Standards achten.