Pollenplage Wenn die Birken bissig werden

Auf Birkenpollen reagieren besonders viele Menschen allergisch - gerade dieses Jahr sind überdurchschnittlich viele in der Luft unterwegs.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die Birken haben in diesem Jahr besonders viele Pollen abgegeben. Aber auch im langjährigen Durchschnitt produzieren die Bäume heute mehr als noch vor drei Jahrzehnten.
  • Die Zahl der Gräserpollen hat sich hingegen kaum verändert.
  • Nur wenige Pflanzen haben ein starkes allergenes Potenzial.
Von Tina Baier

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass die Pollensaison dieses Jahr besonders heftig begonnen hat. Vor allem im Süden Deutschlands herrschte fast den ganzen April über optimales Pollenflugwetter: Warm, wenig Regen und oft leicht windig. "Dazu kam eine Kälteperiode mit sehr niedrigen Temperaturen Ende März", sagt Christina Endler vom DWD-Zentrum für Medizin-Meteorologische Forschung in Freiburg. "Die Pflanzen standen quasi schon in den Startlöchern, wurden dann durch die Kälte gebremst, und als es dann warm wurde, ist die Natur regelrecht explodiert."

Zudem haben die Birken, auf deren Pollen besonders viele Menschen allergisch reagieren, ein sogenanntes Mastjahr, produzieren also eine besonders große Menge an Pollen. Der Grund für den regelmäßigen Wechsel zwischen Mast- und Ruhejahren ist, dass es die Bäume viel Energie kostet, die Blütenkätzchen mit den Pollen auszubilden. Deshalb ruhen sie jedes zweite Jahr aus und konzentrieren sich auf das Wachstum der Blätter. Im Folgejahr produzieren sie dann umso mehr Blütenstaub.

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Das alles hat dazu geführt, dass an manchen Messstationen der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) im April Spitzenwerte von mehr als tausend Birkenpollen pro Kubikmeter Luft gemessen wurden. Der PID arbeitet mit dem Deutschen Wetterdienst zusammen, der die Aufzeichnungen der Messstationen mit meteorologischen Daten kombiniert, um eine Pollenvorhersage für Allergiker zu erarbeiten. "Aktuell ist die Birke am Abflauen", sagt Endler. "Dafür kommen jetzt die Gräser hoch."

Die Allergie-Saison beginnt schon im Januar und kann sich bis in den September ziehen

An den Messstationen werden acht "Hauptallergene" erfasst: Hasel, Erle, Esche, Birke, Roggen, Gräser, Beifuß und Ambrosia. Die Pollen dieser Pflanzen sind Schätzungen zufolge die Auslöser für 85 bis 90 Prozent aller Pollenallergien in Deutschland. Wer auf mehrere dieser Pflanzen allergisch reagiert, schnupft und niest viele Monate lang: Die Saison beginnt nämlich schon im Januar mit den Frühblühern Hasel und Erle. Anschließend blühen Birke und Esche. Im Mai und Juni folgen die Gräser, und die Pollen des Beifuß können noch bis in den September hinein Beschwerden verursachen. "Warum gerade die Pollen dieser Pflanzen so stark allergen sind, weiß man noch nicht", sagt der Allergologe Karl-Christian Bergmann, Leiter des PID. Fände man es heraus, wäre man in der Behandlung von Pollenallergien einen großen Schritt weiter.

Klar ist nur, dass Allergikern fast ausschließlich die Pollen von Pflanzen zu schaffen machen, die vom Wind bestäubt werden. Pollen von Gewächsen, die von Insekten bestäubt werden, befinden sich gar nicht in derart hohen Konzentrationen in der Luft.

Wenig allergen sind auch die Pollen von Koniferen, etwa von Kiefern, wahrscheinlich, weil sie mit einer Wachsschicht ummantelt sind, durch die die Substanzen, die allergieauslösend wirken, nicht hindurchdringen. Denn es ist ja nicht der ganze Pollen, der das Immunsystem des Menschen reizt, sondern es sind verschiedene Substanzen in seinem Inneren, in der Regel Proteine. "Bet v1" heißt beispielsweise eines der wichtigsten Allergene in Birkenpollen. Das menschliche Immunsystem bekämpft es, als wäre es ein schlimmer Feind, ein Grippevirus zum Beispiel. Wozu die Pflanzen diese Eiweißstoffe überhaupt produzieren, ist nicht ganz klar.

"Möglicherweise sind es Defense-Proteine, die die Pollen vor Schimmelpilzen schützen sollen", sagt Bergmann. Weil die Natur oft auf Bewährtes setzt, kommt Bet v 1 nicht nur in Birken, sondern auch im Blütenstaub anderer Bäume vor. Allergiker sind deshalb in der Regel nicht nur gegen Birken, sondern auch noch gegen andere Bäume allergisch, die vom PID gar nicht erfasst werden.

Ein großes Problem für viele Patienten ist, dass Bet- v-1-ähnliche Proteine auch in manchen Früchten vorkommen, was sogenannte Kreuzallergien zur Folge haben kann. Wer gegen Birkenpollen allergisch ist, verträgt oft auch keine Äpfel, Kirschen, Aprikosen, Haselnüsse und Möhren. Allergologen sprechen deshalb auch vom Birken-Apfel-Syndrom. Andere Allergene verursachen das Zypressen-Pfirsich-Syndrom oder das Hopfen-Sellerie-Syndrom.

Allergiker leiden in Städten schlimmer als auf dem Land

Tatsache ist, dass die Zahl der Birkenpollen, die sich im Frühjahr in der Luft befinden, im Vergleich zu vor 35 Jahren zugenommen hat. Das zeigen die Messungen des Polleninformationsdienstes. "Die Zahl der Gräserpollen hat sich dagegen kaum verändert, Beifuß ist leicht rückläufig, und Ambrosia ist etwas angestiegen", sagt Bergmann.

Ein Grund für die höhere Belastung mit Birkenpollen liegt darin, dass es mehr Birken gibt, weil die Bäume entgegen der Empfehlung von Allergologen nach wie vor gerne angepflanzt werden. Ein weiterer Grund sind wahrscheinlich die ersten Auswirkungen des Klimawandels, die allerdings nicht nur Birken, sondern auch viele andere Pflanzen betreffen. Weil es wärmer geworden ist, fangen manche Gewächse schon früher im Jahr zu blühen an.

Insgesamt hat sich die Zeit, in der Pollen in der Luft sind, europaweit um etwa zwei Wochen ausgedehnt. Die mancherorts erhöhte Luftfeuchtigkeit kann außerdem dazu führen, dass "Pollen öfter aufplatzen und ihre Allergene freisetzen", sagt Bergmann. Diskutiert wird auch, ob der höhere CO₂-Gehalt in der Luft dazu führt, dass Pflanzen mehr Biomasse und damit auch mehr Pollen bilden.

Erstaunlicherweise leiden Allergiker in Städten schlimmer unter Heuschnupfen als auf dem Land. Der Grund dafür ist, dass Pollen, die mit Umweltgiften wie Ozon oder Feinstaub in Kontakt kommen, aggressiver werden. In Pollen von Birken etwa, die an stark befahrenen Straßen stehen, sind höhere Konzentrationen des Allergens Bet v 1 enthalten als im Blütenstaub von Landbäumen.

Botaniker vermuten, dass es sich dabei um eine Art Stressreaktion der Bäume auf Umweltgifte handelt. Bei den Pollen anderer Pflanzen treten in Städten zusätzlich zu den Allergene auch noch Reizstoffe aus, die eine Entzündungsreaktion in Nase und Rachen verursachen. Auch bei Menschen, die eigentlich nicht unter Allergien leiden.

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