Bekämpfung von Krankheiten Wer sich nicht impfen lässt, handelt unsolidarisch

Impfung

Impfung: Die Masern könnten in Europa längst ausgerottet sein. Doch die Impfmüdigkeit der Deutschen hat diesen Plan der WHO schon oft vereitelt.

(Foto: dpa)

Etliche Leiden wurden durch Impfungen eingedämmt. Doch anstelle der Angst vor Krankheiten treten nun Luxusprobleme. Zeitmangel, geringfügige Nebenwirkungen, Abneigung gegen Pharmafirmen verstellen den Blick auf das Wesentliche: Impfen ist ein solidarischer Akt.

Ein Kommentar von Berit Uhlmann

Der Google-Algorithmus nimmt die Impfgegner überaus ernst: Ihre wie auch immer begründeten Ansichten findet man im Netz gleichauf mit den offiziellen Informationsquellen. Wer das als Irrsinn aus diesem Internet abtut, verkennt die Situation. Denn hier entsteht der Eindruck, dass Impfen schwer umstritten, dass es gesellschaftlicher Konsens, ja nachgerade geboten sei, der Spritze mit großer Skepsis entgegenzutreten.

Tatsächlich sind sich Wissenschaftler einig wie bei kaum einem Thema: Impfungen gehören zu den größten Errungenschaften der Menschheit. 2,5 Millionen Menschenleben werden jedes Jahr durch die Prophylaxe gerettet, bilanziert die Weltgesundheitsorganisation WHO. Und tatsächlich sind bei fast allen Krankheiten mehr als 90 Prozent der Kinder immunisiert. Die Gegner sind eine relativ kleine Minderheit, die aber letztlich den Erfolg der Impfungen gefährdet.

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Impfungen gehören zu den größten Errungenschaften der Menschheit und haben bereits viel Leid vermieden. Impfgegner zweifeln den gesundheitlichen Nutzen an und sehen in der Impfung ein Risiko - damit könnten sie den bisherigen Erfolg von Impfungen aufs Spiel setzen. Ihr Forum

Damit eine Krankheit kein Kind mehr bedroht, müssen in der Regel 85 bis 95 Prozent einer Gesellschaft geimpft sein. Das bedeutet auch, dass einige Menschen um alles herumkommen. Sie müssen nicht das Risiko von Nebenwirkungen eingehen, genießen aber den vollen Schutz. Wissenschaftler sprechen vom Freifahrtschein und sie beobachten immer wieder, dass ein Wettkampf um diese Freifahrt einsetzt, wenn die Krankheit erst einmal weit zurückgedrängt ist.

Impfquoten der zweiten Masernimpfung bei Kleinkindern

(Foto: SZ-Grafik: Torben Schnieber; Quelle: Versorgungsatlas )

In Deutschland ist dieses Stadium längst erreicht. Tatsächlich ist das Risiko, sich mit Masern anzustecken, heute relativ gering. Die Hoffnung, der Krankheit auch ohne Impfung zu entkommen, ist nicht abwegig. Damit fällt die persönliche Kosten-Nutzen-Bilanz der Impfung nicht so rosig aus wie noch vor Generationen, als die Masern eine allgegenwärtige Bedrohung waren.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass die Bilanz auch jetzt noch zu Gunsten der Immunisierung spricht. Um beim Beispiel der vielgeschmähten Masernimpfung zu bleiben: Seit der Jahrtausendwende werden pro Jahr etwa 142 Impf-Nebenwirkungen gemeldet. Die Zahl der Maserninfektionen lag im gleichen Zeitraum etwa elfmal höher. Die häufigsten Nebenwirkungen der Impfung sind harmlose Rötungen an der Einstichstelle und Fieber; Studien zufolge müssen zehn bis 15 Prozent der Kinder mit einem Temperaturanstieg rechnen. Erkrankt ein Kind dagegen an Masern, ist Fieber die Regel. Als schwere Impf-Nebenwirkung wird vor allem die Gehirnentzündung gefürchtet. Ihre Wahrscheinlichkeit liegt bei etwa 1 : 1 000 000. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit Masern eine Enzephalitis entwickelt, liegt 1000 Mal höher.