Gesundheitsschäden durch Feinstaub Gefährliche Eindringlinge

Feinstaub macht krank: Die winzigen Partikel schädigen die Atemwege, verschlimmern Lungenkrankheiten und können Herzinfarkte verursachen. Die Epidemiologin Annette Peters erklärt, wie die Mini-Teilchen den Körper belasten.

Interview: Hanna Metzen

Annette Peters leitet die Arbeitsgruppen "Epidemiologie von Luftschadstoffwirkungen" und "Epidemiologie chronischer Krankheiten" am Helmholtz-Zentrum München und untersucht dort, wie Feinstaub die Gesundheit beeinträchtigt.

SZ.de: Viele Menschen leben in Gebieten, die stark mit Feinstaub belastet sind. Was hat das für gesundheitliche Folgen?

Annette Peters: Weil wir den Feinstaub einatmen, ist zuerst einmal die Lunge betroffen. Es ist nachgewiesen, dass Feinstaub bei Personen mit Lungenerkrankungen wie Asthma oder COPD einen Anstieg der Symptome und eine Verminderung der Lungenfunktion verursacht.

Die kleinen Staubkörnchen dringen also bis in die Lunge vor?

Genau. Wenn die Partikel sich in den Bronchien festsetzen, ziehen sich automatisch die oberen Atemwege zusammen. Ein gesunder Mensch kann das kompensieren, aber Asthmatiker zum Beispiel werden dadurch kurzatmig. Außerdem können die Staubkörnchen in die Lungenbläschen eindringen. Der Körper reagiert dann auf die Partikel wie auf ein Bakterium. Und durch diese Abwehrreaktion wird das Lungengewebe selbst geschädigt. Das führt bis zu einem erhöhten Risiko für Lungenkrebs.

Beschränkt sich die Wirkung auf die Lunge?

Durch die Immunreaktion des Körpers kann Feinstaub auch über die Lunge hinaus Krankheiten verursachen. Wer einer hohen Feinstaubbelastung ausgesetzt ist, hat deswegen ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzinfarkt oder Schlaganfall. Dadurch erhöht sich auch die Sterblichkeitsrate.

Wie genau ist der Zusammenhang erforscht zwischen Feinstaub und solchen Erkrankungen, die den ganzen Körper betreffen?

Bei Lungenerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist er ziemlich gut nachgewiesen. Bei anderen Erkrankungen wie Diabetes ist man sich noch nicht ganz so sicher. Experimente mit Tieren sprechen zwar für einen Zusammenhang zwischen Feinstaub und Diabetes. Und manche Studien an Menschen zeigen zum Beispiel, dass gerade bei Frauen das Risiko für Diabetes höher zu sein scheint, wenn sie mit Feinstaub belastet sind. Dafür gibt es aber bisher keine Erklärung.

Es gibt sogar Studien, die darauf hindeuten, dass Feinstaub die Leistung des Gehirns beeinflusst. Wie kann man sich das vorstellen?

Möglicherweise können ultrafeine Partikel über den Riechnerv ins Gehirn eindringen, zumindest bei Ratten konnte das gezeigt werden. Außerdem könnte das Gehirn ebenfalls durch die generelle Entzündungsreaktion auf Feinstaub beeinflusst werden. Aber auch bei dem Zusammenhang zwischen Gehirn und Feinstaub ist man noch unsicher.

Gibt es Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen?

Zum Teil ja. Feinstaub kann bei Kindern beispielsweise nachweislich zu Mittelohrentzündungen führen. Das liegt an dem schmalen Gehörgang von Kindern. Dringen Staubpartikel in den Nasen-Rachen-Raum ein, verursachen sie dort eine Entzündung. Dadurch verstopft auch der Gehörgang und das Ohr entzündet sich. Außerdem reagieren Kinder eventuell besonders allergisch auf Feinstaub.

Sind die Feinstaubkörnchen an sich schädlich, oder weil sie Giftstoffe transportieren?

Es liegt an beidem. Zum einen ist so ein Feinstaubteilchen natürlich ein Fremdkörper, zum anderen lagern sich gerade an Rußteilchen aus Abgasen jede Menge schädlicher Substanzen wie Nickel oder Kohlenwasserstoffe an.

Welche Rolle spielt die Größe des Feinstaubs?

Je kleiner der Feinstaub ist, desto gesundheitsschädlicher ist er. Die Partikel müssen kleiner als zehn Mikrometer sein, um in die Atemwege zu kommen, unter einer Größe von 2,5 Mikrometer gelangen sie in die Lunge. Und ultrafeine Partikel sind fast schon so klein wie Proteine, dringen in die Körperzellen ein und von da aus bis ins Blut.

Für Feinstaub, der kleiner ist als zehn Mikrometer, hat die Weltgesundheitsorganisation WHO einen Grenzwert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel empfohlen, die Europäische Union hat rechtswirksame Grenzwerte festgelegt. Sind deswegen Konzentrationen unterhalb dieser Werte nicht mehr gesundheitsschädlich?

Es gilt zwar: Je weniger Feinstaub, desto besser. Aber eine Schwelle, unter der keine Gesundheitsrisiken bestehen, gibt es nicht. Grenzwerte liefern natürlich eine gewisse Orientierung.

Wie kann ich mich schützen, falls ich beispielsweise an einer stark befahrenen Straße wohne?

Chirurgenmasken schützen vor Feinstaub, das kennt man besonders aus China. Diese Methode ist aber nicht sehr praktikabel. Möglicherweise helfen auch Klimaanlagen, allerdings gibt es dann wieder andere gesundheitliche Nachteile. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit: Eine gesunde Lebensweise, zum Beispiel mit ausreichend Vitaminen, kann den Schäden durch Feinstaub entgegensteuern. Weil alle diese Methoden aber kein Patentrezept gegen Feinstaub darstellen, halte ich Maßnahmen wie feste Grenzwerte oder Umweltzonen für sehr sinnvoll.