Ärztemangel Den Arzt online konsultieren

Dietrich Grönemeyer, 62, ist Arzt und Autor. Seit 1997 ist er Professor für Radiologie und Mikrotherapie an der Universität Witten/Herdecke.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Telemedizin könnte den Ärztemangel auf dem Land lindern. Wer einwendet, dass hierbei der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient verloren ginge, übersieht zwei wichtige Entwicklungen.

Ein Gastbeitrag von Dietrich Grönemeyer

Dass in Deutschland schon bald Ärztemangel droht, wird gern behauptet, lässt sich aber statistisch nicht belegen. Im Gegenteil, Jahr für Jahr wächst die Zahl der Ärzte um durchschnittlich zwei Prozent. 2014 zählte die Statistik 490 400 berufstätige Mediziner - zwei Drittel mehr als 1990, im Jahr der Wiedervereinigung. Tendenz weiter steigend.

Es fehlt keineswegs an jungen Menschen, die den Beruf des Arztes ergreifen wollen, und das nicht nur, weil sie sich davon ein überdurchschnittliches Einkommen versprechen. Die Aussicht, anderen helfen zu können, ist nach wie vor für viele das Hauptmotiv. Hinzu kommt die Faszination der modernen Hightech-Medizin. Studenten haben mir das oft genug bestätigt. Ich entschied mich seinerzeit auch deshalb für die Radiologie, weil mich alles Technische von Kindesbeinen an begeisterte. Mit den Fortschritten bei der Entwicklung neuer Geräte und Methoden haben sich die Möglichkeiten medizinischer Ausbildung mehr und mehr erweitert. Die wachsende Zahl der Studenten an den medizinischen Fakultäten belegt das eindrucksvoll.

Um den Berufsstand des Arztes an sich müssen wir uns also keine Sorgen machen. Eher schon haben wir ein Verteilungsproblem, das zusehends bedrohliche Ausmaße annimmt. Die Situation ist geradezu paradox. Obwohl immer mehr bestens qualifizierte Ärzte auf den Markt drängen, fehlt es vielerorts - und mehr denn je - an ärztlicher Versorgung. Nicht in München, Frankfurt oder Stuttgart und gewiss nicht in Berlin, wohl aber auf dem platten Land, im Erzgebirge, an der Küste oder im Odenwald. Das Problem ist bekannt, Hilferufe sind überall zu hören, Lösungen werden aber kaum angeboten.

Dabei kann man der Politik nicht einmal vorwerfen, die Augen zu verschließen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe hat angekündigt, sich der Sache anzunehmen. Als oberster Dienstherr des Gesundheitswesens will er die Ballungsräume ärztlicher Versorgung entzerren. Das scheint auf den ersten Blick einleuchtend zu sein. Ob es sich jedoch von oben durchsetzen lässt, ist fraglich. Planwirtschaft war auf Dauer noch nie Erfolg beschieden, auch nicht im Gesundheitswesen.

Dadurch dass man älteren Ärzten in besonders gut versorgten Städten verbietet, die Praxis an jüngere zu verkaufen, um so der Konzentration entgegenzuwirken, dadurch allein hat man noch keinen einzigen Arzt motiviert, auf dem unterversorgten Land sein Glück zu suchen.

Im Gegenteil, gerade wenn wir uns den leidenschaftlichen Mediziner wünschen, sollte er sich niederlassen können, wo er möchte. Und dass sich die Mehrheit der jüngeren Kollegen mehr vom Leben in der Stadt als auf dem Dorf verspricht, liegt nun mal im Zug der Zeit.