Arzneimittel-Report Frauen nehmen deutlich mehr Psychopharmaka als Männer

Medizinisch nicht erklärbar - statistisch dennoch eindeutig: Frauen werden deutlich mehr Medikamente verschrieben als Männern. Besonders bei den Psychopharmaka ist der Unterschied eklatant. Dabei widersprechen die Verschreibungen oft medizinischen Leitlinien.

Von Charlotte Frank

Antidepressiva, Schlafmittel, Tranquilizer: Bei der Einnahme sämtlicher Psychopharmaka liegen Frauen weit vor den Männern. Zwei- bis dreimal so häufig nehmen sie Arzneien ein, die die Psyche beeinflussen. Auch bei der Verordnung anderer Medikamente übertreffen Frauen die Männer deutlich. Das geht aus dem Arzneimittelreport 2012 hervor, den die Krankenversicherung Barmer GEK am Dienstag in Berlin vorgestellt hat.

Auf 100 Patientinnen entfielen dem Report zufolge im Durchschnitt 937 Verordnungen im Jahr. Männer hingegen brachten es nur auf 763 Verordnungen pro 100 Versicherte. Damit verschrieben Ärzte ihren weiblichen Patienten gut 22 Prozent mehr Rezepte. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede, warnten die Autoren der Studie, ließen sich medizinisch kaum begründen. Sie würden Leitlinien widersprechen und von einem hohen Abhängigkeitsrisiko zeugen.

"Wir brauchen eine Negativliste, welche Ärzte über Wirkstoffe informiert, die bei Frauen gefährliche Effekte auslösen können", sagte Studienautor Gerd Glaeseke vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen am Dienstag. Für ältere Patienten gibt es eine solche Tabelle längst: Die "Priscus-Liste" fasst Wirkstoffe zusammen, die für ältere Patienten ein erhöhtes Risiko bedeuten können.

Rolf-Ulrich Schneider, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Kasse, erklärte die geschlechtsspezifischen Differenzen bei der Präsentation des Reports mit einem unterschiedlich stark ausgeprägten Gesundheitsbewusstsein. Frauen suchten demnach häufiger den Arzt auf und gingen bewusster mit Gesundheitsfragen um. "Aus diesem Grund überrascht es nicht, dass sie dann auch häufiger mit einem Rezept aus der Arztpraxis marschieren", sagte Schneider.

Frauen deutlich anfälliger für Depressionen

Gerade im Bereich Psychopharmaka hänge die verstärkte Einnahme bei Frauen aber auch mit ihrer erhöhten Anfälligkeit für Depressionen zusammen: Fast 13 Prozent aller weiblichen Versicherten trifft mindestens einmal im Leben die Diagnose "Depressive Episode" - und nur sechs Prozent der männlichen.

Auffällig an dem Report ist aber: Obwohl Frauen 22 Prozent mehr Pillen und Tropfen schlucken, kosten ihre Arzneien die Kassen nur neun Prozent mehr als die der Männer. Dieser Effekt entsteht dadurch, dass nur einige wenige Medikamente den Preis der Gesamtausgaben für Arzneimittel eklatant in die Höhe treiben: Neue, teure Spezialpräparate gegen Krebs, Multiple Sklerose oder Rheuma machten 2011 nicht einmal drei Prozent aller Verordnungen aus - verursachten aber 32 Prozent der Kosten.

Vor zehn Jahren lagen die Frauen bei der Einnahme von Medikamenten im Vergleich zu Männern noch weiter vorne als heute. Damals verschrieben Mediziner ihnen noch deutlich öfter Hormonpräparate, etwa gegen Wechseljahresprobleme oder gegen Zyklusbeschwerden.

30 bis 45 Prozent der Frauen nahmen diese laut Arzneimittelreport noch vor zehn Jahren ein. Heute werden solche Mittel deutlich seltener verordnet - nicht, weil Frauen keine Wechseljahres- oder Zyklusbeschwerden mehr hätten, sondern weil Ärzteschaft und Politik umgedacht haben: In die natürlichen Prozesse wird seltener hormonell eingegriffen.