Arbeitsmedizin Stehen um jeden Preis?

Einblick in ein Frankfurter Bürogebäude: Noch findet man Stehtische selten in deutschen Büros.

(Foto: picture alliance / dpa)

Sitzen macht krank, dick und dumm, heißt es seit kurzem. Angestellte werden deshalb nun an Stehtische genötigt. Medizinisch gesehen ist das fragwürdig.

Von Christoph Behrens

"Sitzen ist das Rauchen unserer Generation", diagnostiziert das Magazin Harvard Business Review, "der Stuhl ist dein Feind", erklärt Karrierebibel.de. Zu langes Sitzen erhöhe die Risiken für ein frühzeitiges Ableben, die gebeugte Haltung mache schlapp und dumm, so die Meldungen. Wenn vor allem Wirtschaftsmedien das Sitzen zum Feind erklären, hat das natürlich auch eine erfolgspsychologische Botschaft: Wer im Job nach oben kommen will, der muss erst einmal physisch seinen Hintern hoch bekommen. Der Stehtisch ist zum wichtigsten Vehikel dieser Bewegung geworden, zur Kommandozentrale des dynamischen, umherwirbelnden Bürodirigenten.

Um es klar zu sagen: Es spricht einiges dafür, dass zu langes Sitzen gesundheitliche Nachteile hat. Forscher haben die Sitzhaltung schon mit Bluthochdruck, Diabetes, Arteriosklerosen, sogar einigen Krebsarten in Verbindung gebracht. Dass Stehtische diese auch als "Zivilisationskrankheiten" bezeichneten Leiden vermindern können, dafür fehlen allerdings handfeste Belege.

Ein international besetztes Team von Gesundheitswissenschaftlern hat kürzlich 20 Studien zu dem Thema ausgewertet. Die Gesundheitsforscher schreiben höhenverstellbaren Tischen zwar einen gewissen Einfluss auf die tägliche Routine zu; demnach reduziert ein Arbeitnehmer an einem solchen Tisch seine tägliche Sitzdauer um 0,5 bis zwei Stunden. Ob sich das auf die Gesundheit auswirkt, vermögen die Studien jedoch bislang nicht zu beantworten. "Die Idee, dass man täglich stundenlang stehen sollte? Dafür gibt es nicht wirklich Belege", sagte einer der beteiligten Forscher, Jos Verbeek, dem US-Radiosender NPR. An bisherigen Studien zu dem Thema nahmen meist nur recht wenige Probanden teil, die statistische Aussagekraft ist somit gering.

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"Jede Zwangshaltung ist schädlich"

Eine britische Langzeitstudie mit mehr als 5000 Teilnehmern zweifelt generell an, dass Sitzen so schädlich ist, wie oft behauptet. Die Arbeitsmediziner um Richard Pulsford von der Universität Exeter haben die Sitzgewohnheiten von Londoner Verwaltungsangestellten über etwa 15 Jahre ausgewertet. In diesem Zeitraum starben 450 der Beamten. Dabei fanden die Wissenschaftler keine Belege dafür, dass die Sterblichkeit etwas damit zu tun hat, wie viele Stunden jemand in seinem Leben herumsitzt. Die Mediziner vermuten allerdings im Fachblatt International Journal of Epidemiology, dass die Angestellten von einer erhöhten körperlichen Aktivität außerhalb des Büros profitiert haben könnten. Viele nahmen die öffentlichen Verkehrsmittel zur Arbeit, und das bedeutet in London meist, in Bus oder Bahn längere Zeit zu stehen, und häufig umzusteigen.

Also doch vorsichtshalber stehen? "Grundsätzlich ist jede Zwangshaltung über längere Zeit schädlich", sagt der Pathophysiologe Christoph Anders vom Uniklinikum Jena. Beim Sitzen betreffe das etwa die untere Rückenmuskulatur, die Schulter oder den Nacken. Wenn diese Muskeln dauerhaft angespannt werden, fließt zugleich weniger Blut durch sie hindurch, das Gewebe kann daher langfristig gesehen verhärten.

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Der gleiche Mechanismus gelte aber "in übertragener Form auch für Stehtische", sagt Anders. Wie anstrengend eine aufrechte Haltung sein kann, lasse sich gut bei einer Shopping-Tour überprüfen. "Wenn man einige Stunden durch Läden schlendert und vor jedem Schaufenster stehenbleibt - da ist man wie tot am Abend." Hüften und unterer Rücken brennen dann besonders. Das Schwarzweiß-Schema, wonach Sitzen schlecht und Stehen gut ist, hält Anders daher für "viel zu einfach". Entscheidend für gesundes Arbeiten sei eher Bewegung an sich, das Wechselspiel zwischen Belastung und Entspannung verschiedener Muskeln. "Alles was mit Veränderung zu tun hat, ein häufiger Wechsel zwischen Sitzen und Stehen", empfiehlt Anders.

An dieser Maßgabe orientiert sich auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) mittlerweile. Zwar befürworten die Experten durchaus Stehpulte, warnen aber gleichzeitig vor zu langem Herumstehen. Dies belaste nur das Hüftgelenk, zudem könne sich Blut in den Gefäßen stauen und dadurch Venenerkrankungen wie Krampfadern und Thrombosen begünstigen. Die BAUA-Experten empfehlen daher lieber eine "Steh-Sitz-Dynamik", also mehr Abwechslung im Büro. In einer Broschüre gibt die BAUA Tipps, wie sich das in der Praxis am besten umsetzen lässt, etwa indem man Drucker und Kaffeemaschine möglichst weit vom Schreibtisch aufstellt, die Treppe statt den Aufzug nimmt, Kollegen persönlich besucht, statt sie anzurufen.

In dem Dokument, das allein schon wegen seiner Kalauer lesenwert ist ("Den Aufstand proben", "sich regen bringt Segen"), zeichnet sich also eine Synthese aus Sitzen und Stehen ab. Die neue Botschaft lautet: "Auf und nieder - immer wieder".

In der Serie "Mythos des Monats" beleuchtet die SZ-Wissensredaktion, was hinter kuriosen Meldungen aus Medizin, Biologie und Forschung steckt.

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