Antibiotikaresistenzen Superkeime im Pharma-Abwasser

In den Abwässern indischer Medikamentenfirmen haben Forscher antibiotikaresistente Bakterien gefunden. Einer der Hersteller beliefert den deutschen Markt.

Von Christina Berndt

Früher standen Antibiotika einmal für Hygiene und Keimfreiheit. Doch zuletzt zeigte sich mehr und mehr die dunkle Seite der wichtigen Medikamente: Weil sie zu häufig eingesetzt werden, entwickeln sich zunehmend Krankheitserreger, denen Antibiotika nichts mehr anhaben. Solche resistenten Keime sind zum Problem für Patienten geworden. Nun enthüllt ein Bericht der Umweltstiftung Changing Markets, der NDR, BR und SZ exklusiv vorliegt, eine weitere schmutzige Seite von Antibiotika: Im Abwasser indischer Pharmafirmen entstehen multiresistente Keime, die sich in der Umwelt ausbreiten können. Und deutsche Krankenkassen sind involviert.

Deutsche Krankenkassen haben Rabattverträge mit einem der Schmuddelhersteller

Gefunden hat die Erreger der Infektiologe Mark Holmes von der Universität Cambridge. Er analysierte die Abwässer von 34 Antibiotikaherstellern. 16 dieser Fabriken in Hyderabad, Delhi und Chennai haben demnach resistente Bakterien herangezüchtet; an vier Orten fand Holmes sogar multiresistente Keime im Abwasser, die mit drei wichtigen Antibiotika-Klassen nicht mehr bekämpft werden können. Es handelte sich um Kolibakterien, die in jedem menschlichen Darm leicht ein Zuhause finden. In den vergangenen Jahren hatten immer wieder Forscher hohe Antibiotika-Konzentrationen in Abwässern in Hyderabad entdeckt; längst bestand also die Sorge, dass sich dort auch neue "Superbugs" bilden. Das wurde nun erstmals in einer groß angelegten Studie bestätigt.

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"Es ist eine Bedrohung weltweit, wenn Abwässer mit resistenten Erregern in die Umwelt geraten", sagt Tim Eckmanns, Leiter der Abteilung zur Überwachung von Antibiotikaresistenzen am Berliner Robert-Koch-Institut: "Die Erreger können ins Trinkwasser kommen und über das Trinkwasser auch zum Menschen." Mit Reisenden gingen die Resistenzen um die Welt, sagt Eckmanns: "Wenn wir Resistenzen in Indien haben, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die hierherkommen."

Ein besonderer Schmutzfink ist dem Bericht zufolge die Firma Aurobindo. In den Abwässern einer Fabrik des Unternehmens fanden sich Kolibakterien, die resistent gegen sechs Antibiotika sind. Aurobindo produziert auch für den deutschen Markt - sogar bevorzugt: Mehrere Krankenkassen, darunter die AOK, die DAK, die Barmer GEK und die TK, haben Rabattverträge mit Aurobindo geschlossen. Ihre Versicherten bekommen also manche Antibiotika gemeinhin von Aurobindo, dafür gibt die Firma die Präparate billiger ab.

Aurobindo äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Keimen im Abwasser. Vertreter der Krankenkassen aber zeigten sich bestürzt: "Wir sind alarmiert", teilte ein TK-Sprecher mit. Die TK beziehe ihre Antibiotika zwar aus einem anderen Aurobindo-Werk. Aber man wolle nun die Produktionsbedingungen prüfen lassen und "ggf. Konsequenzen ziehen".

Die AOK Baden-Württemberg teilt mit, sie habe die Aufsichtsbehörden in Kenntnis gesetzt. Doch diese überprüfen nicht die Umweltstandards von Herstellern, sondern lediglich deren medizinische Qualität. Die Abnehmer müssten deshalb selbst tätig werden, fordert Natasha Hurley, Kampagnenmanagerin bei Changing Markets: Sie "sollten Firmen, die die Umwelt verschmutzen, auf die schwarze Liste setzen." Ärzte kämpften rund um die Uhr gegen Resistenzen - und dann das: "Es ist schockierend, dass die Pharmaindustrie diese lebensrettenden Anstrengungen unterläuft." Dabei, meint Tim Eckmanns, ließen sich Antibiotika im Abwasser leicht minimieren - viel leichter als ihr Einsatz in der Behandlung von Mensch und Tier: "Hier geht es einfach um einen Industriestandard", sagt Eckmanns. Aber die Firmen wollten eben "möglichst billig produzieren".

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