Alzheimer-Demenz Welche nicht-medikamentösen Therapien helfen

Gedächtnis-Training, Musik und Beratung können die Symptome der Alzheimer-Erkrankung häufig ähnlich gut lindern wie Medikamente. Ein Überblick über die verbreitetsten Therapien.

"Wie heißt der Fluss, in dem sie als Kind immer gebadet haben?" Jens Bohlken zeigt seinem Patienten ein altes Foto. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des demenzkranken Mannes, als er sich an den Namen erinnern kann. Regelmäßig kommt er mit seiner Ehefrau in die Praxis des Berliner Psychiaters. Ein Biografiebuch mit alten Fotos hilft seinem inzwischen schwächelndem Langzeitgedächtnis auf die Sprünge. Die Therapie trägt dazu bei, diese letzte Bastion der Erinnerung so lange wie möglich zu erhalten.

Rund 540 Alzheimer-Patienten behandelte der niedergelassene Arzt in den vergangenen fünf Jahren mit verschiedenen nicht-medikamentösen Therapien, legte über 80 Biografiebücher an. "Als Ergänzung zu Medikamenten gewinnen diese Therapien immer mehr an Bedeutung", sagt Bohlken. "Teilweise wirken sie genauso gut gegen die Symptomatik der Demenzerkrankung wie die Medikamente."

Dass sich sogenannte psychosoziale Interventionen gegen die Alzheimer-Krankheit bewährt haben, ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt. Allerdings haben längst nicht alle angebotenen Therapien den Beweis ihrer Wirksamkeit erbracht, wie Alexander Kurz, Münchner Demenzexperte vom Klinikum rechts der Isar, nach Auswertung von Studien aus den vergangenen 20 Jahren feststellte. Nichtsdestotrotz sind die nicht-medikamentösen Maßnahmen in allen Abschnitten einer Demenz wichtige Bestandteile des Behandlungsplans, so das Fazit von Kurz. Hier eine Auswahl der Therapien, die erfolgversprechend sind:

Therapien für das Gedächtnis

Im leichten und mittelschweren Stadium der Demenz wirken kognitive Stimulation und kognitives Training dem nachlassenden Gedächtnis entgegen. Während der kognitiven Stimulation werden die Patienten einzeln oder in Gruppen angeregt, über Kindheitserlebnisse, Tagesereignisse, Reisen, Lieblingsspeisen zu sprechen oder an Zahlen- und Wortspiele teilzunehmen. Beim kognitiven Training üben Alzheimer-Patienten Kopfrechnen, Ordnen von Bildserien, Orientierung im Raum oder erlernen Strategien zur Bewältigung von Alltagsaufgaben.

Wirksam ist das Training nur, wenn es kontinuierlich betrieben wird. "Wir empfehlen in unserer Praxis eine Therapiephase von 20 Trainingseinheiten, die dann nach einer Pause von Wochen oder Monaten durch neue Therapieabschnitte aufgefrischt werden", sagt Bohlken. Es sollten jedoch keine Fähigkeiten trainiert werden, die durch die Erkrankung schon stark beeinträchtigt sind. Das frustriert Patienten und schadet am Ende mehr, als das es nützt.

Therapien für das Wohlbefinden

Als förderlich für das emotionale Wohlbefinden gelten im frühen und mittleren Stadium Aktivitätsaufbau und Erinnerungstherapie. Dabei spielen die Angehörigen immer eine wichtige Rolle. Beim Aktivitätsaufbau werden sie beispielsweise dazu angeleitet, angenehme Tätigkeiten und Erlebnisse in den Alltag des Demenzkranken einzubauen. Dies soll unter anderem dem Rückzug und depressiven Verstimmungen entgegenwirken, ohne den Kranken zu überfordern.

In der Erinnerungstherapie werden Erkrankte durch Fotos, Zeitungsausschnitte, Musik oder Haushaltsgegenstände angeregt, von Ereignissen und Erfahrungen der Vergangenheit zu erzählen. Diese Art stimulierender Lebensrückblick verbessert Studien zufolge die Selbstständigkeit und Kommunikationsfähigkeit, aber auch das Gedächtnis und die Stimmung.

Allerdings sind die Effekte abhängig von der jeweiligen Biographie. Viele Menschen mit belastenden Kriegserfahrungen profitieren beispielsweise nicht von dieser Therapieform, da alte traumatische Erinnerungen wiederbelebt werden und erneut Ängste auftreten können. "Man muss sich im Klaren sein, dass nicht-medikamentöse Maßnahmen auch unerwünschte Effekte haben können", sagt Bohlken.

Milderung von Verhaltensstörungen

Im mittleren und schweren Stadium der Erkrankung sind vor allem Therapien hilfreich, die die Sinne ansprechen, vor allem Geruch, Gehör und Tastsinn. Aroma- und Musiktherapien können hier versucht werden. Sie wirken mitunter gegen Unruhe und zielloses Wandern.

Erhalt der Alltagskompetenz

Ergotherapie hat sich in allen Phasen der Alzheimer-Erkrankung als wirksame Methode zum Erhalt der Selbstständigkeit und Mobilität bewiesen. Sie zielt in erster Linie auf die Unterstützung der noch vorhandenen Kompetenzen ab. Zu Beginn können Tätigkeiten im Haushalt, vertraute Freizeitbeschäftigung und sozialen Aktivitäten gefördert werden. Dazu werden beispielsweise feste Tagesstrukturen und Verhaltensroutinen eingeführt oder die Kommunikation vereinfacht. Später geht es eher darum, grundsätzliche Fähigkeiten wie die Nahrungsaufnahme zu erhalten. Die Ergotherapie greift dabei auf Verfahren aus der kognitiven Stimulation, Erinnerungstherapie, Kunst- und Musiktherapie zurück.

Angehörigenberatung

Zu psychosozialen Interventionen gehört auch die Unterstützung von Angehörigen, die in jedem Stadium gewinnbringend ist. Dabei werden dem Pflegenden beispielsweise Kenntnisse über die Krankheit und angemessene Reaktionen bei Verhaltensstörungen vermittelt. Angehörigenberatung kann in Einzelsitzungen oder Gruppenprogrammen stattfinden. Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die Effekte umso nachhaltiger sind, je länger das Programm dauert. "Wichtig ist, dass nicht nur der Patient, sondern auch die durch die Pflege belasteten Angehörigen davon profitieren", sagt Bohlken.

Wo die Therapien angeboten werden

Psychosoziale Interventionen können in Kliniken oder auch ambulant in Anspruch genommen werden. Berufsgruppen, die diese von den Krankenkassen erstattet bekommen, sind Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie, ärztliche und psychologische Psychotherapeuten und Ergotherapeuten. "Die haben die umfassendsten Fähigkeiten und Abrechnungsmöglichkeiten für psychosoziale Therapieleistungen", sagt der Berliner Psychiater. Informationen über die Angebote in der Umgebung geben Ärzte, Gedächtnissprechstunden an großen Kliniken, Pflegestützpunkte oder Einrichtungen der Altenhilfe.