Altenpflege Eine Stadt hilft sich selbst

Die Idee der Seniorengenossenschaft ist eine Art Generationenvertrag der Pflege.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Die Idee ist bestechend vernünftig: Wer kann, hilft den Alten und bekommt später im gleichen Maße Hilfe zurück. Ein Besuch im schwäbischen Riedlingen, das das Schicksal seiner Alten selbst in die Hand nimmt.

Von Berit Uhlmann

Mit einer "Bilderbuchlandschaft" werben die Stadtmanager hier im Schwäbischen. Mit der mächtigen Donau, die sich wieder ungezähmt Land greifen darf, mit weiten Wiesen. Die Natur hat die Landwirtschaft ersetzt, die bis vor einigen Jahrzehnten die Lebensgrundlage dieser Region war. Dann veränderte sich die Wirtschaft, die Jungen suchten sich Arbeit in den Bürotürmen und Fabrikhallen irgendwo auf der Welt, zurück in der Bilderbuchlandschaft am Rande der Schwäbischen Alb blieben die Alten. "Wer soll für sie sorgen?", fragte Josef Martin, Mitglied im Gemeinderat der Stadt Riedlingen. Das war in den 1980er Jahren - Antworten waren damals so rar wie heute.

Die Einwohner der schwäbischen Stadt entschieden sich schließlich für ein Modell, so bestrickend vernünftig und sozial, dass man sich fragt, warum Riedlingen nicht längst überall ist. Wer kann, hilft den Alten und bekommt dafür später im gleichen Maße Hilfe zurück. 1991 gründeten die Riedlinger eine Seniorengenossenschaft. Sie entwarfen eine Art Generationenvertrag für die Pflege, mit Zeitkonten, auf denen der Anspruch der Helfer für die späteren Jahre dokumentiert wird.

Wie fühlt es sich also an, mit einem solchen Hilfepolster dem Alter entgegenzusehen? Der Fahrer, der den alten Mitgliedern der Genossenschaft Mittagessen nach Hause liefert, stutzt. Hilfe für später gutschreiben lassen? Tolle Sache, aber nicht für ihn. Er hat eine andere Option gewählt, er lässt sich eine Aufwandsentschädigung zahlen, keine große Summe, doch "ein schönes Urlaubsgeld!", und dann eilt er davon mit seinem warmen Essen und dem Elan derer, für die das Alter eher etwas Abstraktes ist.

"Das Alter ist noch so weit weg", sagen Maria Friedrich und Elisabeth Blaicher. Es klingt wie ein Stoßgebet. Die Frauen sind 55 und 63 Jahre alt und arbeiten freiwillig in der Tagespflegeeinrichtung mit. Gerade haben sie fast 20 alte Menschen zum Mittagsschlaf gebettet. Sie haben Decken über gebrechliche Körper gebreitet, Arme gestreichelt, wie immer den Gute-Nacht-Kuss der demenzkranken Johanna empfangen. Als die ersten Unterkiefer schwer vom Schlaf herabsinken, erschlaffen für einen Moment auch die Züge der beiden Frauen.

Es war kein leichter Vormittag. Eine Helferin war kurzfristig ausgefallen. Die Betreuerinnen mussten einen Streit schlichten, es ging um den Platz an der Stirnseite des Tisches und es war nicht hilfreich, dass eine der Streitenden schwerhörig war. Sie mussten zitternde Empörung dämpfen, als einer der alten Herren befand, sein Gebiss könne doch ganz prima auf dem Gemeinschaftstisch ruhen. Sie sorgen sich um einen Senioren, der immer wieder stöhnt, weil er Schmerzen im Bein hat, die sie sich nicht erklären können.

Acht Stunden lang kümmern sich die beiden Helferinnen gemeinsam mit zwei ausgebildeten Pflegekräften um die Alten. Sie singen mit ihnen, wohnen einem Gottesdienst bei, schwätzen, wie man hier sagt. Sie schieben Rollstühle, schneiden Speisen klein, binden Schuhe zu, wechseln Windeln und versorgen wunde Stellen auf der papierdünnen Haut.

Acht Stunden könnten sie sich heute gutschreiben lassen - einzulösen in der Zukunft, wenn sie selbst nicht mehr für sich allein sorgen können. Bei aller Aufgeklärtheit: Zeit der Hilfsbedürftigkeit ist keine attraktive Währung. Geld schon. Auch die beiden Helferinnen haben sich gegen das Zeitkonto entschieden, sie arbeiten auf 400-Euro-Basis in der Tagespflege. Die meisten Mitarbeiter der Genossenschaft machen es so.