Akustisches Phänomen Nachts wird das Brummen stärker

"Das Phänomen ist nachts stärker zu beobachten als am Tag, es verändert sich, manchmal taucht es aus dem Nichts auf, dann verschwindet es wieder, draußen ist es nicht so schlimm wie in Räumen, Menschen nehmen es auch noch an völlig isolierten Plätzen der Erde wahr, Kilometer von der nächsten Geräuschquelle entfernt, oder wenn sie den Ort wechseln", sagt MacPherson. Für ihn passen diese Beobachtungen nicht mit einem akustischen Signal zusammen.

Brigitte Rieber macht nach wie vor die Mobilfunkmasten verantwortlich. Das ergibt zwar im Hinblick auf den Brummton wenig Sinn, da dieser im niederfrequenten Bereich angesiedelt wird, Funktürme jedoch Signale im Mikrowellenbereich versenden und empfangen. Doch wie so oft, wenn der Mensch verzweifelt um Erklärungen ringt, gilt: Was nicht passt, wird passend gemacht.

"Man überlegt die ganze Zeit, wo das Geräusch herkommt", sagt Rieber, "an manchen Tagen muss ich mich wirklich sehr zusammenreißen. Dann bin ich kurz vorm Ausrasten." Sie ist ausgebildete Masseurin und medizinische Bademeisterin, 15 bis 18 Patienten behandelt sie täglich in ihrem kleinen Praxisraum zu Hause. Seit dem Sommer 2011 hört sie das Brummen.

"Es war, als ob die Erde beben würde", erinnert sie sich an den 28. Juni 2011, Rieber steht in ihrer Praxis und behandelt gerade einen Patienten. "Plötzlich war da ein ganz tiefes Dröhnen." Die ersten Tage beruhigt sie sich noch mit dem Gedanken, das Geräusch werde schon wieder verschwinden. Aber es verschwindet nicht. Nächtelang geistert Brigitte Rieber daraufhin durch Furtwangen, weil sie es im Haus nicht mehr aushält, sie lässt sich von ihrem Bruder, einem Arzt, untersuchen. Er misst ihren Blutdruck, untersucht ihre Ohren, schiebt sie in die MRT-Röhre - nichts.

Riebers Ehemann, von Beruf Schreiner, baut seiner Frau eine schalldichte Kabine mitten im Haus; nach zwei Tagen zieht die Gattin zurück ins eheliche Schlafzimmer. Die Riebers sanieren das komplette Haus, irgendwann bestellen sie eine Rutengängerin. Keine Maßnahme bringt Abhilfe. "Irgendwann denkt man wirklich, man ist verrückt", sagt Rieber in der Runde der anderen Betroffenen.

Auch die fühlen sich nicht ernst genommen. Helfen kann niemand. Der Ohrenarzt nicht, der Neurologe nicht, die Ämter nicht. Sie verfügen nicht einmal über die nötige Gerätschaft, ginge man tatsächlich davon aus, es handle sich bei dem brummenden Phantom um einen tieffrequenten Ton. Josef Herdner, Bürgermeister von Furtwangen, hat die Riebers besucht. Es sind nur wenige Hundert Meter von seinem Büro am Marktplatz bis zu ihnen. Das Haus ist Terrakotta-farben, der Garten groß, die junge Donau plätschert vor der Haustüre entlang; eine Idylle. Wer hier nachts sein Haupt aufs Kissen bettet, versinkt in absoluter Stille und schwarzem Nichts. Wäre da nicht dieses Geräusch.

"Ich konnte den Brummton nicht hören, aber ich nehme die Sache ernst", sagt Herdner. Eine Verwandte habe ein sehr sensibles Gehör, die höre sogar die Mäuseabwehranlage im Keller, die für Menschen eigentlich gar nicht hörbar sei, sagt der Bürgermeister. Herdner will Spezialisten mit einer Messung beauftragen, 5000 Euro wird das kosten. "Vielleicht kann man so wenigstens die Ursache rauskriegen", sagt er. Er klingt hilflos.

Die Brummton-Leidenden in der Freiburger Selbsthilfegruppe sind sich einig: Sie müssen endlich ernst genommen werden von der Öffentlichkeit. Bis es soweit ist, hat jeder der Betroffenen ein eigenes Rezept, um mit dem unsichtbaren Feind fertig zu werden. Frau Rieber wird in schlimmen Momenten abends ein Glas Rotwein trinken. "Und manchmal, am Tag, dreh' ich auch die Musikanlage ganz laut auf, Bee Gees, bis ich den Ton nicht mehr wahrnehmen kann."

Das Paar aus Schopfheim wird die CD mit Meeresrauschen einlegen. "Die läuft die ganze Nacht", sagt die Ehefrau. Das zweite Paar aus Schopfheim schwört auf maximale Erschöpfung . "Ich gehe erst ins Bett, wenn wir fast umkippen", sagt der Mann. Der gebürtige Hamburger versucht es mit autogenem Training. "Wenn das nicht hilft, schalten wir unseren kleinen Springbrunnen auf dem Balkon an." Und dem Paar aus Vörstetten bleibt noch die Gewitter-CD.

Doch es wird alles nichts nützen. Der Brummton wird bleiben, und damit der Feind.