Akademien fordern mehr Antibiotika-Forschung "Die ausgetretenen Pfade verlassen"

Bakterien werden zunehmend gegen Antibiotika resistent, neue keimtötende Stoffe aber nur noch selten entdeckt. Experten fordern nun verstärkte Anstrengungen in der Antibiotika-Forschung - und eine Vereinfachung der strengen Zulassungsbestimmungen.

Von Katrin Blawat

Wenn ein Forscher, dessen Ruhm auf der Entdeckung einer lebensrettenden Substanz beruht, vor dem übermäßigen Einsatz eben dieses Stoffes warnt, muss etwas Besonderes dahinterstecken. Zum Beispiel die Erkenntnis, dass man sonst auf ein großes Problem zusteuern werde. 1945 warnte der Bakteriologe Alexander Fleming in einem Zeitungsinterview vor dem übermäßigen Einsatz von Penicillin. Damit wollte er die Entwicklung von Resistenzen verlangsamen. 1928 hatte Fleming das Antibiotikum selbst entdeckt.

Heute sind Flemings Befürchtungen längst Wirklichkeit geworden - und die Aufrufe zu einem anderen Umgang mit diesen Medikamenten eindringlicher. So bereitet nicht mehr nur die Unempfindlichkeit vieler Mikroben gegenüber den Arzneien Sorgen. Sondern auch die Tatsache, dass heute nur noch sehr selten gelingt, wofür Fleming berühmt geworden ist: neue keimtötende Stoffe zu entdecken. Daher sollten in der Entwicklung neuer Antibiotika andere Wege ausprobiert und die Zulassungsbedingungen vereinfacht werden. Das fordern die Nationale Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) und die Hamburger Akademie der Wissenschaften in einer gemeinsamen, am Montag veröffentlichten Stellungnahme.

"Antibiotika gehören zu unseren wichtigsten Medikamenten. Sie spielen beispielsweise in der Unfallchirurgie und bei Organtransplantationen eine Rolle", sagt Jörg Hacker, Präsident der Leopoldina und einer der beiden Leiter der Arbeitsgruppe Antibiotika-Forschung. Doch damit die Arzneien auch in Zukunft noch wirken, muss sich einiges ändern.

"Das Hauptproblem liegt darin, dass wir so gut wie keine neuen Wirkstoffklassen haben", sagt Hacker. Nur vier der 20 Antibiotika, die die amerikanische und die europäische Zulassungsbehörde zwischen den Jahren 2000 und 2011 freigegeben hatten, gehörten zu einer neuen Klasse. "Es wurde bislang nicht genug Anstrengung investiert, um neue Wirkstoffklassen zu finden", kritisiert der Mikrobiologe Hacker.

Dabei sind neue Wirkstoffklassen wichtig, um den Bakterien stets einen Schritt voraus zu sein. Bislang nämlich haben die Mikroben sehr berechenbar auf jedes neue Antibiotikum reagiert: Manche von ihnen wurden unempfindlich dagegen. Irgendwann, so viel ist sicher, werden solche Resistenzen zwar auch bei neuen Antibiotikaklassen auftreten - aber immerhin etwas verzögert.

Doch bevor es dazu überhaupt kommen kann, steht ganz am Anfang der Antibiotika-Entwicklung die Suche nach einem neuen Wirkstoff. Den stellt zwar eigentlich die Natur bereit, schließlich produzieren Bakterien und Pilze die Substanzen natürlicherweise zu ihrem eigenen Schutz. Doch um diese Stoffe zu finden - im Erdboden etwa, oder auch in marinen Lebensräumen wie Korallenriffen - müssten die Suchmethoden effektiver werden, fordern die Akademien.

Auch bei der Suche nach Angriffspunkten, über die man den Bakterien schaden könnte, fordert Hacker: "Wir sollten die ausgetretenen, klassischen Pfade verlassen." Bisher zielen viele Mittel direkt drauf ab, die Keime zu töten, etwa indem sie deren Zellwand zerstören. Denkbar - in der Praxis jedoch noch kaum erprobt - wäre es aber zum Beispiel auch, Antikörper zu entwickeln, die im menschlichen Körper die Reaktion auf die Mikroben hemmen. "Einige solche Ansätze gibt es bereits", sagt der Leopoldina-Präsident, "aber sie haben es noch nicht zum Durchbruch geschafft."

Um die Antibiotika-Forschung attraktiver zu machen, sollten Pharmafirmen und öffentliche Einrichtungen oder Stiftungen vermehrt zusammenarbeiten. Für die Unternehmen ist es bislang nämlich deutlich attraktiver, etwa Medikamente für chronisch Kranke zu entwickeln, die diese ein Leben lang brauchen.

Außerdem plädieren die Autoren dafür, formale Hürden abzubauen. Klinische Studien mit neuen Mitteln sollten schneller und unkomplizierter genehmigt werden. Und hat es ein Antibiotikum erst einmal bis zum Zulassungsantrag geschafft, sollten die Behörden nicht darauf bestehen, dass das neue Mittel den bisherigen überlegen sein muss.

Einen solchen Nachweis fordert etwa die amerikanische Zulassungsstelle FDA. Damit will sie vermeiden, dass neue Arzneien auf den Markt kommen, die teurer, aber nicht besser sind als alte. Viele Experten halten einen Überlegenheitsnachweis daher für sinnvoll. "Wir kritisieren dieses Prinzip nicht grundsätzlich, sondern nur bezogen auf Antibiotika", sagt Hacker. "Hier wäre es gut, wenn stattdessen die Wirksamkeit des Medikaments als Kriterium ausreichen würde." Dann würden es, so die Hoffnung, mehr neue Mittel auf den Markt schaffen.