Modell gegen Ärztemangel Not im Nirgendwo

Fünf Allgemeinärzte für 4700 Einwohner und Tausende Touristen. Der Kurort Büsum kämpft gegen den Ärztemangel - bevor es zu spät ist.

(Foto: dpa; Collage: SZ)

Nachwuchs verzweifelt gesucht: In ländlichen Regionen fehlt es an Medizinern, selbst ungewöhnliche Ideen sind gefragt. Deshalb eröffnet in Büsum jetzt die erste kommunale Arztpraxis Deutschlands.

Von Thomas Hahn, Hamburg

Der Allgemeinmediziner Arno Lindemann, 62, wollte immer schon da arbeiten, wo andere Urlaub machen. Deshalb hat er seine Praxis vor 26 Jahren im Kurort Büsum an der Nordsee eröffnet. Er war voller Eifer damals. Es machte ihm nichts aus, dass er zeitweise sehr viel Arbeit hatte in Büsum, gerade weil andere dort Urlaub machen; in der Hauptferienzeit sind fast fünf Mal so viele Menschen in der 4700-Einwohner-Gemeinde als sonst. Elf-Stunden-Tage sowie Nacht- und Wochenenddienste in Abstimmung mit den anderen Büsumer Hausärzten gehörten über Jahre zu Lindemanns Alltag. Menschen können sich mit ihrem Kranksein eben nicht an feste Arbeitszeiten halten. Lindemann klingt trotzdem nicht so, als habe er seinen Beruf in Büsum je unattraktiv gefunden, aber er weiß natürlich, dass er seine persönliche Einstellung niemandem per Rezept verschreiben kann wie einen Hustensaft oder eine Tablette.

Und deshalb hat er sich jetzt auf ein Projekt eingelassen, das einen Trend für die Zukunft setzen könnte. Für die letzten Jahre vor dem Ruhestand wird er seine selbständige Praxis aufgeben und sich von der Gemeinde anstellen lassen. Arno Lindemann sagt: "Das ist Neuland."

In dieser Woche hat die Gemeindevertretung von Büsum endgültig beschlossen, im kommenden Jahr eine eigene Gemeindepraxis aufzubauen. Es ist ein Beschluss, der Schule machen soll. Er steht für den neuesten Kniff im Kampf gegen den Ärztemangel im ländlichen Raum. Dass es dieses Problem gibt, predigen die kassenärztlichen Vereinigungen schon länger, als die Politik daran arbeitet. Seit ein paar Jahren aber gibt es verschiedene Reformen, die Ärzte dazu motivieren sollen, sich auch in Gebieten niederzulassen, die weniger leuchten als große Städte oder Metropolregionen. Und diese Reformen braucht es auch, denn nach den Prognosen steht der große Mediziner-Engpass erst bevor. Laut kassenärztlicher Bundesvereinigung ziehen sich bis zum Jahr 2021 insgesamt 51 000 Haus- und Fachärzte altersbedingt zurück - und längst zeichnet sich ab, dass es in den entfernteren Gegenden schwierig wird, deren Nachfolge zu regeln.

Büsum ist in dieser Hinsicht ein klassischer Fall. Neun Allgemeinmediziner hatten dort mal eine Praxis, mittlerweile sind es fünf, der jüngste ist 58 Jahre alt. Und zwei von den erfahrenen Ärzten versuchten vergeblich, ihre Praxis unter den bisherigen Umständen weiterzugeben. Büsum musste darauf gefasst sein, eines Tages ohne Hausärzte dazustehen. Es musste etwas geschehen, und das Ergebnis dieses Leidensdrucks ist das, was jetzt als "Büsumer Modell" ein Beispiel dafür geben soll, wie man im Sinne der 2012 novellierten Sozialgesetzgebung das traditionelle Konzept der selbstverwalteten Praxen aufbrechen kann, um den Beruf des niedergelassenen Arztes zu stärken.

Büsums Gemeindepraxis ist die erste dieser Art in Deutschland, und sie entsteht auf Initiative des Kreises Dithmarschen und der kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein. Die vier Praxen, die Arno Lindemann und drei seiner verbliebenen Hausarztkollegen im Haus an der Westerstraße 30 unterhalten, wachsen zu einer zusammen. Doktor Lindemann und Kollegen werden bei einer gemeindeeigenen GmbH angestellt und bekommen ein festes Gehalt mit variablem Anteil je nach Erlös. Weitere Ärzte sollen dazukommen, damit die Gemeindeärzte die Patienten nach geregeltem Dienstplan versorgen können. Verwaltung und Management des neuen Unternehmens bewerkstelligt die Ärztegenossenschaft, damit sich die Mediziner ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können.

Harald Stender, Koordinator der ambulanten Versorgung im Kreis Dithmarschen, sagt: "Das ist der Versuch, nicht nur über ein Problem zu reden, sondern auch organisatorisch etwas dagegen zu tun."

Das Modell greift an dem Punkt an, der junge Mediziner und Medizinerinnen offensichtlich am meisten umtreibt, wenn sie sich für ihren Arbeitsplatz entscheiden. "Der Clou an dieser Lösung ist, dass wir in der Lage sind, flexiblere Arbeitszeiten zu schaffen", sagt Stender. Leute wie Arno Lindemann, die bereitwillig ihr Leben dem Beruf anpassen, werden laut Umfragen weniger. Mittlerweile studieren mehr Frauen als Männer Medizin. Die neue Generation verlangt mehr Raum für die Familienplanung. Flexiblere Arbeitszeiten sind für sie deshalb ein Schlüssel bei der Jobwahl, und schon jetzt deutet sich an, dass Büsum davon profitiert, diesen Umstand in seinem Modell berücksichtigt zu haben.

"Wir haben Termine mit Bewerbern", sagt Stender. 1,6 Millionen Euro öffentliches Geld soll der Büsumer Wandel in der Ärzteversorgung kosten, von April 2015 an beginnt die neue GmbH zu arbeiten, Ende des Jahres sollen die Umbauten fertig sein, und dann wird Arno Lindemann endgültig angekommen sein als Gemeinde-Angestellter im neuen System. Doch ein bisschen trauert er seiner Freiheit schon hinterher. "Mit Hurrageschrei gehen wir nicht rein in das neue Modell", sagt er. Aber es geht ja um mehr in dieser Geschichte als nur um seine Befindlichkeiten. "Das System wäre zusammengebrochen", er sieht seine gesellschaftliche Verantwortung. Außerdem kriegt er mit dem neuen Modell aus Büsum auf seine alten Tage doch noch geregelte Arbeitszeiten hin. Das findet Arno Lindemann auch für sich selbst nicht schlecht.