Ärztemangel Die Generation der Selbstausbeuter geht in Rente

Wer schlecht sieht, findet im Osten Deutschlands nicht immer sofort einen Augenarzt.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)
  • Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Thüringen meldet acht unbesetzte Augenarzt-Stellen.
  • In Sachsen sind ländliche Regionen wie Erzgebirge und Vogtland von Unterversorgung bedroht.
  • Deshalb wurden die Länder aktiv: Sachsen wirbt mit neun Förderstellen um Augenärzte. Bis zu 100 000 Euro bekommt, wer sich niederlässt.
Von Ulrike Nimz

Unlängst drängten sich im thüringischen Altenburg die Menschen auf drei Etagen des Ärztehauses. Grund war nicht etwa die Grippewelle, sondern der ansässige Augenarzt. An zwei Tagen im Jahr vergibt die Praxis Termine - nach dem Windhundprinzip. Die Wartenden hatten Klappstühle dabei, die Lokalzeitung berichtete. Eine Ausnahme ist Altenburg trotzdem nicht.

Wer es mit den Augen hat, hat es schwer im Osten des Landes. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Thüringen meldet acht unbesetzte Augenarzt-Stellen. In Sachsen sind ländliche Regionen wie Erzgebirge und Vogtland von Unterversorgung bedroht. In Sachsen-Anhalt ist die Lage entspannter - auf dem Papier. Wer sich umhört, erfährt von Aufnahmestopps und Arztodysseen. Wie kann das sein?

In Ostthüringen wird im Sommer die erste augenärztliche "Eigeneinrichtung" eröffnen

Eigentlich lässt sich die Verteilung der Fachärzte steuern: Die sogenannte Bedarfsplanung gibt vor, wie viele Augenärzte sich in einer Region niederlassen dürfen. Dabei wird vor allem die Einwohnerzahl berücksichtigt, kaum aber Sozialstruktur und Unterschiede bei der Häufigkeit von Krankheiten. Folge: Die Realität gehorcht der Planung nicht. Gilt ein Gebiet als überversorgt, darf sich dort kein weiterer Facharzt niederlassen - selbst wenn angestammte Kollegen kaum noch Patienten aufnehmen. Wird hingegen zusätzlicher Bedarf festgestellt - 2017 ausschließlich in ostdeutschen Regionen -, heißt das noch nicht, dass sich ein Arzt findet, der die Lücke schließt.

Deshalb wurden die Länder aktiv: Sachsen wirbt mit neun Förderstellen um Augenärzte. Bis zu 100 000 Euro bekommt, wer sich niederlässt. In Ostthüringen wird im Sommer die erste augenärztliche "Eigeneinrichtung" eröffnen: Die KV stellt einen jungen Arzt zunächst an und hofft, dass dieser nach zwei bis drei Jahren die Praxis übernimmt. Solche Übergangsmodelle gibt es auch in Sachsen-Anhalt. Zusätzlich decken dort mitunter Kliniken die ambulante Versorgung ab.

Für Kassenpatienten, die dennoch keinen Augenarzt zu Gesicht bekommen, gibt es die Termin-Servicestellen der KV. Erkrankte können telefonisch ihre Beschwerden schildern, bekommen einen Termin in der Nähe zugewiesen, innerhalb von vier Wochen. In akuten Fällen gelinge das, sagt Veit Malolepsy von der KV Thüringen. Bei Routineuntersuchungen sei die Situation unbefriedigend. Augenärzte spezialisierten sich zunehmend auf ambulante Operationen. "Ein Diabetiker, der nur jährlich zur Augenspiegelung muss, ist nicht so willkommen."

Ludger Wollring, Sprecher des Berufsverbandes der Augenärzte, hält das für Herumdoktern an Symptomen. Das Problem sei der Nachwuchs. Zwar hat die Zahl der Augenärzte zuletzt zugenommen, die jungen Mediziner arbeiten aber lieber angestellt oder in Teilzeit. Eine Praxis im Nirgendwo sei weder attraktiv noch lukrativ, so Wollring. Keiner habe mehr Lust auf kleine Budgets, Überstunden und Notdienste: "Die Generation der Selbstausbeuter geht in Rente." Im Osten, wo die Wege länger, die Menschen älter sind, werden die Folgen als Erstes sichtbar. Dass die Bedarfsplanung derzeit im Auftrag der Bundesregierung überarbeitet wird, ist für Wollring kein Lichtblick: "Die Gesundheit lässt sich nun mal schlecht planen."

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