Ärzte-Initiative im Internet Vorsicht Operation? Vorsicht Ferndiagnose!

Mehr als die Hälfte aller Operationen an Knie und Rücken gelten als überflüssig. Die Ärzte-Initiative "Vorsicht Operation" sagt der Geldmacherei mit unnötigen Eingriffen nun den Kampf an. Aber Geld verdienen will auch sie - und verkauft Zweitgutachten, ohne die Kranken überhaupt gesehen zu haben.

Von Werner Bartens

Es wird viel zu viel operiert in deutschen Krankenhäusern und Praxen. Diese Erkenntnis ist ungefähr so originell wie die Einsicht, dass Ärzte auch nur Menschen sind. Schon 2002 gab das renommierte British Medical Journal ein Themenheft mit dem Titel "Too much medicine" heraus und warnte darin ausführlich vor Überdiagnostik und Übertherapie. Gefruchtet hat das offenbar wenig. Je nach Umfrage und Art der Erhebung variieren die Ergebnisse zwar. Doch mehr als die Hälfte aller Eingriffe an Knie und Rücken gelten als überflüssig. Bei vielen anderen ärztlichen Maßnahmen ist das Vorgehen ebenfalls nicht medizinisch, sondern monetär motiviert. Privatpatienten gelten als besonders gefährdet, unnötigen Operationen zum Opfer zu fallen, weil der Eingriff bei ihnen Ärzten ein Vielfaches im Vergleich zu den Kassenpatienten einbringt.

Nicht jeder Patient kann sich die teure Zweitmeinung der "Vorsicht Operation"-Experten leisten: 200 Euro kostet ein "kleines Gutachten", 400 Euro ein "mittleres" und 600 Euro ein "schwieriges Gutachten".

(Foto: dapd)

Eigentlich ist die Idee einiger Chirurgen und Orthopäden - zum Großteil handelt es sich dabei um Chefärzte im Ruhestand - daher gut, den Anlass zu einer Operation zu hinterfragen. In ihrem neuen Internetportal www.vorsicht-operation.de, das seit dieser Woche erreichbar ist, wollen die erfahrenen Mediziner Patienten Hilfe anbieten, die nicht wissen, ob sie dem Rat ihres Arztes folgen sollen. Wie es vielen Kranken vor einem geplanten Eingriff geht, wissen die altgedienten Meister des Skalpells schließlich: "Ihr Arzt rät zu einer Operation, Sie aber sind sich nicht sicher, ob dies notwendig ist? Sie werden von Arzt zu Arzt geschickt, aber keiner kann Ihnen eine verlässliche Diagnose erstellen?" Hier bieten die Ärzte ihre Expertise an: "Profitieren Sie von der langjährigen Erfahrung renommierter und unabhängiger Spezialisten", heißt es auf der Homepage.

Wie eine gute Idee fragwürdig umgesetzt wird, führen die Ärzte dann allerdings auch vor. Bei Ansicht der Expertenprofile drängt sich F.W. Bernsteins Erkenntnis auf: "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche." Ein Rückenexperte hat beispielsweise laut Selbstauskunft "mehr als 10.000 Wirbelsäulenoperationen geleitet", ein Kniespezialist kann "auf über 36 Jahre Erfahrung in der Arthroskopie des Knies" zurückblicken, ein anderer Operateur hat "mehr als 3500 endoprothetische Eingriffe geleitet sowie unzählige Korrekturosteotomien" rund um Knie und Hüfte. Das wirft Fragen auf: Wie viele Patienten haben die altersweisen Mediziner vor eben jenen Eingriffen bewahrt, von denen sie jahrzehntelang selbst profitierten? Und warum gewinnen sie die Erkenntnis, dass auch in der Medizin weniger manchmal mehr ist, erst im oder kurz vor dem Ruhestand?

Nicht jeder kann sich die teure Zweitmeinung leisten

Üblicherweise sind Zweitmeinungen für Patienten kostenlos. Ärzte können bei Privatpatienten 21 Euro dafür abrechnen, bei Kassenpatienten weniger. Die Beratung durch die Spezialisten von "Vorsicht Operation" ist deutlich teurer. 200 Euro kostet ein "kleines Gutachten", 400 Euro ein "mittleres", 600 Euro ein "schwieriges Gutachten" - bei "außerordentlich komplexen Fällen wird ein individuelles Angebot unter Berücksichtigung des erhöhten Zeitaufwandes erstellt". Nicht jeder Patient kann sich eine solch teure Zweitmeinung leisten.

Vollends fragwürdig wird das Angebot allerdings dadurch, dass die Ärzte offenbar den direkten Kontakt mit Patienten scheuen. Ein in der Schweiz ansässiger Dienstleister hat ein "Programm zur Übertragung von medizinischen Röntgen- und Kernspin-Dateien" entwickelt, "zusammen mit dem speziell entwickelten Online-Fragebogen" sollen so "alle relevanten Informationen" erfasst werden, "die unsere erfahrenen Spezialisten benötigen um ein Zweitgutachten für Sie zu erstellen".

Experte zweifelt an Ferndiagnosen aus dem Netz

Obwohl einige der Experten tatsächlich als Meister ihres Faches gelten, ist die Verwunderung unter anderen Ärzten groß. "Die Idee ist gut, sehr gut. In der Chirurgie sollte jeder Eingriff gut begründet sein", sagt der Frankfurter Chirurg Bernd Hontschik. "Aber eine OP-Indikation zu stellen ohne persönlichen Kontakt, ohne Konsultation und Arzt-Patient-Beziehung, das halte ich für unmöglich." Hontschik hat schon vor 25 Jahren in seiner Doktorarbeit gezeigt, warum viele der als "Blinddarm-Operation" bezeichneten Eingriffe überflüssig sind. Sein damaliger Chef, Wolf-Joachim Stelter, nahm die Erkenntnisse ernst. Im Klinikum Frankfurt-Höchst ging die jährliche Zahl der Appendektomien daraufhin von 600 auf 150 zurück.

Nur selten lasse sich schon beim Lesen der Befunde und Anschauen der Röntgenbilder erkennen, dass ein Eingriff unnötig ist, so Hontschik. Ansonsten gelte: Kranke muss der Arzt kennen, mit denen muss er sprechen, über ihr Leben und ihre Beschwerden und worauf sie hinauswollen mit einer Operation. "Als Arzt muss ich doch wissen: Was ist das für ein Leben, in das ich da hinein operiere", sagt Hontschik.

Auch die Berufsverbände sehen das Internet-Angebot einiger ehemaliger Lehrmeister der chirurgischen Fächer kritisch: "Wir operieren Menschen und keine Röntgenbilder", sagte Hans-Peter Bruch, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Chirurgen dem Deutschen Ärzteblatt. In Orthopädie und Chirurgie hat sich - lange bevor die Initiatoren von "Vorsicht Operation" die Pensionsgrenze erreichten - herumgesprochen, wie wenig Befunde allein aussagen. Beispiel Rückenschmerz: Etwa 70 Prozent der Menschen in Deutschland klagen mindestens einmal im Jahr über Pein im Kreuz. Doch bei sechs von sieben Patienten mit Problemen der Wirbelsäule lässt sich keine Ursache dafür finden. Und die, bei denen zufällig ein Schaden festgestellt wird - so ein weiteres Paradox -, haben häufig keine Beschwerden.

Röntgenaufnahmen allein können trügerisch sein

Vor Jahren sollten Radiologen und Orthopäden Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule von beschwerdefreien Erwachsenen beurteilen, ohne zu wissen, von wem sie stammten. Bei einem Drittel der Menschen, deren Bilder sie sahen, empfahlen sie eine Operation oder andere eingreifende Therapien - und das, obwohl keiner der Teilnehmer Schmerzen hatte. Die Hälfte aller Erwachsenen über 50 Jahren hat einen Bandscheibenvorfall, das ergeben Röntgen- und CT-Bilder. Aber die meisten merken nichts davon, es handelt sich um Befunde ohne Bedeutung. Umgekehrt gelten 90 Prozent aller Rückenschmerzen als "unspezifisch", das heißt, es lassen sich keine Auslöser für die Schmerzen finden.

Beispiel Knie: Fast jeder zehnte Erwachsene klagt über Beschwerden am Gelenk. Ärzte empfehlen dann häufig eine Spiegelung. Dabei wird zumeist unter Vollnarkose der Innenraum des Knies gespült. Zudem werden Knochenwülste abgefräst und Knorpel glatt gehobelt. Orthopäden aus Kanada haben 2008 gezeigt, dass die Operation oft nichts nützt. "Es ist eine Herausforderung für Ärzte, zu erkennen, welche Patienten von dem Eingriff profitieren können", sagt der New Yorker Sportarzt Robert Marx. Dazu muss man Patienten allerdings untersuchen. Viele Patienten, bei denen in der Kernspin-Aufnahme große Einrisse im Meniskus zu erkennen sind, haben keinerlei Beschwerden. Andere, deren Gelenkinnenleben intakt erscheint, klagen hingegen über starke Schmerzen.

Chirurg Hontschik weist dennoch auf die guten Seiten des Ärzte-Portals hin. "Es muss zwar eine sehr viel bessere und tiefergehende Initiative her, um den Missstand überflüssiger Operationen abzustellen", fordert er. "Aber positiv ist die Diskussion, die dadurch in die Chirurgie hineingetragen wird - das darf man nicht unterschätzen."