Von Christopher Schrader

Widersprüchliche Studien zum Zusammenhang zwischen Krebs und dem Gebrauch von Mobiltelefonen stehen in der Kritik von Forschern. Angeblich sind die Daten nicht ausreichend geprüft worden.

Macht das Handy krank?

Macht das Handy krank? Foto: dpa

Wenn Epidemiologen nach Dänemark reisen, dann geht es ihnen meist nicht um die touristischen Highlights des Landes, die Kathedrale von Roskilde, die Strände von Jütland oder die Statue der kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen. Sie interessieren sich mehr für die Daten der Dänen, die diese recht unbesorgt sammeln und Forschern zur Verfügung stellen.

Jeder Bewohner des Königreichs besitzt eine Personenkennziffer (CPR-Nummer genannt), die ständig notiert wird – zum Beispiel beim Abschluss eines Handyvertrags und der Diagnose eines Tumors. Der Abgleich solcher Register erlaubt Studien über Krankheitsursachen, die in kaum einem anderen Land möglich wären.

So konnte eine Gruppe von dänischen, deutschen und amerikanischen Forschern immerhin 420.095 Handynutzer in eine Krebsstudie einbeziehen. Anfang Dezember schrieben sie in einem Fachartikel, wegen der Qualität ihrer Daten könne „jede große Verbindung von Krebsrisiken und dem Gebrauch von Mobiltelefonen ausgeschlossen werden“.

Dieser für Epidemiologen ungewöhnlich klar formulierte Satz fand sich bald in den Artikeln vieler Zeitungen und Zeitschriften wieder; auch die Süddeutsche Zeitung berichtete unter dem Titel „Entwarnung für Handynutzer – Dänische Studie: Mobiltelefone erhöhen das Krebsrisiko nicht“ (7.12.2006).

Zudem wurde die dänische Studie von vielen Blättern genutzt, um einem Bericht der SZ vom 31. Januar 2007 zu widersprechen. Er stellte Ergebnisse vor, die nicht nur Hinweise, sondern einen begründeten Verdacht nähren, der langjährige Gebrauch von Handys könne Gliome, seltene Gehirntumore, auslösen oder fördern; und zwar vor allem auf der Seite des Kopfes, an die das Telefon gewohnheitsmäßig gehalten wird.

Die beiden darin zitierten Studien hatten einen wichtigen statistischen Test gemeistert, und müssen darum von Epidemiologen ernster genommen werden als bisherige Daten.

Kritik aus Schweden und Österreich

Doch nun gerät die dänische Studie mit ihrer so klar formulierten Entwarnung selbst unter schwere Kritik. Epidemiologen in Schweden und Österreich haben Leserbriefe an die Redaktion des Journal of the National Cancer Institute (JNCI) geschickt, das die Untersuchung herausgebracht hatte.

Die Autoren der Briefe, Michael Kundi von der Medizinischen Universität Wien und Lennart Hardell vom Universitätshospital Örebro sprechen der dänischen Studie ihre Aussagekraft weitgehend ab. Doch die Redaktion des JNCI hat die Veröffentlichung der Briefe abgelehnt; sie hätten nicht „genügend Priorität“. Eine ungeklärte Rolle dabei spielt einer der Co-Autoren der dänischen Studie, der zugleich Redakteur bei dem Journal ist.

„Erst die Ergebnisse so rauszuposaunen und dann die kritischen Leserbriefe nicht zu drucken, das wirft kein gutes Licht auf die Herausgeber“, sagt Eberhard Greiser, renommierter Epidemiologe und ehemaliger Direktor des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin. Er teilt die inhaltliche Kritik seiner Kollegen aus Örebro und Wien: „Das Design der Studie führt dazu, dass sie das Risiko unterschätzt.“

Generell werden bei solchen Studien zwei Gruppen gebildet: eine mit einem Risikofaktor und eine ohne. Sonst sollen sie sich möglichst nicht unterscheiden, weder im Alter, noch im Wohlstand oder der Geschlechtsverteilung. Finden die Forscher dann unterschiedliche Krankheitsraten, dürfen sie annehmen, dass der Risikofaktor etwas damit zu tun hat.

Viele Unstimmigkeiten

Doch die Gruppen der dänischen Studie unterscheiden sich, wenn man die Kritik zusammenfasst, zu wenig im Mobilfunkgebrauch und zu viel in ihrem sozialen Status. „Die hätte man so nicht vergleichen dürfen“, sagt Greiser.

Die Autoren der derart kritisierten Studie um den Deutschen Joachim Schüz, der bei der dänischen Krebsgesellschaft arbeitet, hatten von Mobilfunkgesellschaften Daten über alle 72.3421 Handyverträge bekommen, die irgendwann zwischen 1982 und 1995 aktiv waren. Etwa 100.000 davon sortierten die Forscher aus, weil sie wegen Dopplungen, Schreibfehlern oder anderen Problemen keiner Person eindeutig zugeordnet werden konnten.

Weitere 200.000 schlossen sie aus, weil die Verträge von Firmen für ihre Mitarbeiter abgeschlossen worden waren. Auch hier ließ sich nicht klären, wer das Handy tatsächlich benutzt hatte. "Bei den Firmenkunden konnten wir gar nichts anderes machen“, verteidigt Joachim Schüz die Entscheidung. Lennart Hardell hingegen sagt: „Bei diesen 200000 Nutzern handelt es sich wahrscheinlich um Menschen, die das Gerät früh und besonders intensiv nutzten. Aber die Autoren haben sie der angeblich nicht-bestrahlten Vergleichsgruppe zugeschlagen“, also dem ganzen Rest der Dänen.

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