Von Petra Steinberger

Die Entwicklung von Medikamenten ist teuer, und Pharmafirmen müssen ihre Kosten decken und Gewinne einfahren. Doch es ist nicht sonderlich moralisch, arme Menschen zum Tod zu verurteilen, weil sie sich ein Mittel nicht leisten können.

Mutter und Kind, beide HIV-infiziert, in Simbabwe. Viele Menschen haben keinen Zugang zu Medikamenten, weil die zu teuer sind. (Foto: AFP)

Meist sind es Aids-Medikamente. Manchmal sind es Mittel gegen Leukämie oder gegen Hepatitis, Augenkrankheiten, Herzbeschwerden, Malaria. Die Umstände sind immer ein wenig anders.

Aber die Grundstrukturen gleichen sich: Ein westlicher Pharmakonzern stellt ein Medikament her oder besitzt ein Patent darauf. Es ist viel zu teuer für die Kranken und Gesundheitsämter der Dritten Welt.

Also werden solche Medikamente dort in den Pharmalabors als so genannte Generika nachgebaut. Manchmal legal als Lizenzprodukt. Meist unerlaubt und ohne Patentgebühren zu zahlen. Diese Generika werden dann in diesem Land zu einem weit günstigeren Preis verkauft. Oder in anderen armen Länder, die sich das Original ebenfalls nicht leisten könnten.

Diese Praxis ist überlebenswichtig für die Patienten in den armen Teilen der Welt. Aber sie ist ein Problem für die großen Pharmafirmen, denen die Patente gehören. Sie haben gute Gründe für ihre Einwände gegen Raubkopien. Forschung und Entwicklung solcher Medikamente, sagen die Pharmakonzerne, sind sehr teuer und stellen ein gewaltiges finanzielles Risiko dar.

Entwicklungskosten für ein Medikament: 500 Mio Dollar

Auf den westlichen Märkten gelten Patente für 20 Jahre. In dieser Zeit können Pharmafirmen soviel verlangen, wie der Markt hergibt - und hoffen, dass sie ihre Entwicklungskosten von durchschnittlich 500 Millionen Dollar für ein Medikament wieder einbringen und dann noch genügend übrig haben für ihre Forschung und ihre Aktionäre. Das stellt Industrienationen vor ein ethisches Problem, für das bisher keine Lösung in Sicht ist.

 
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Es ist nicht sonderlich moralisch, arme Menschen zu einem langsamen Tod zu verurteilen, weil sie sich ein Medikament nicht leisten können, dessen Produktion an sich nicht viel kostet, sagen die Gegner dieser Praxis - nur wegen des so genannten geistigen Eigentums an einer Formel, manifestiert in einem Patent.

Gesundheit sei doch eigentlich ein Menschenrecht; und ein Medikament, das Leben rettet, kann nicht mit einem Fernseher verglichen werden, einem Computerprogramm oder einem Hollywoodfilm .

Und so erlaubte beispielsweise die indische Regierung jahrzehntelang ihren Pharmafirmen die Herstellung von Generika - und das Land versorgte bald die Hälfte aller HIV-Infizierten in Entwicklungsländern mit den notwendigen Medikamenten.

Es wäre andererseits auch nicht gerecht, Pharmakonzerne um einen Großteil ihrer materiellen Erträge zu bringen, die sie zunächst in die Forschung gesteckt haben. Der wirtschaftliche Anreiz würde gemindert.

Zunehmende Investitionen in Lifestyle-Medikamente

Das hat jetzt schon ein Problem mit sich gebracht, gegen das nur schwer anzukommen ist: In die Entwicklung sogenannter Lifestyle-Medikamente wie das Potenzmittel Viagra oder den Stimmungsmacher Wellbutrin werde ein Vielfaches an Forschungsgeldern gesteckt, wie in die Entwicklung von Medikamenten, die gegen Krankheiten, wirken, die vor allem in der Dritten Welt zu finden sind, wie eben Malaria oder Gelbfieber.

Jahrelang kämpfte man in der World Trade Organisation um einen Kompromiss, der beiden Seiten einigermaßen gerecht werden könnte. 1995 trat das so genannte Abkommen über Trips, trade-related aspects of Intellectual property rights, in Kraft, das handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum regelt.

Es gab Ländern wie Indien, Brasilien, Südafrika, Thailand und China ein paar Jahre Zeit, ihren Umgang mit der recht freizügigen Produktion der medizinischen Raubkopien zu ändern. 2005 verabschiedete das indische Parlament unter diesem Abkommen ein Gesetz, das die Herstellung von Generika auf patentgeschützte Medikamente illegal machte.

Seitdem ist es sehr teuer geworden, die fast sechs Millionen Aids-Kranken zu versorgen, die allein in Indien leben. Ganz zu schweigen von den Kranken in anderen Entwicklungsländern.

Nun dürfen im Rahmen der Trips Patente gebrochen werden, wenn es ein Notfall in der öffentlichen Gesundheitsvorsorge eines Landes erfordert. Ist eine latente Aids-Epidemie kein Notfall?

Das Trips-Abkommen erlaubt, wenn es gar nicht anders geht, dass Regierungen Zwangslizenzen vergeben für die Herstellung eines generischen Medikaments - wenn der Besitzer eines Patents seine Rechte missbraucht, indem er beispielsweise das Produkt in einem Land entweder gar nicht anbietet - oder viel zu teuer. Dann allerdings müssen an den Patentbesitzer Lizenzgebühren gezahlt werden. Auch Medikamente, die vor 1995 auf den Markt kamen, dürfen nachgebaut werden.

Ein makaberes Spiel

Regierungen und Pharmaproduzenten in der Dritten Welt spielen manchmal ein makaberes Spiel, wenn es darum geht, das Beste aus den Trips herauszuholen. Mit ein paar Kniffen werden in indischen oder südafrikanischen Labors aus zwei oder mehr lizenzfreien älteren, oft nicht so wirkungsvollen Produkten neue zusammengesetzt, die den neueren, aber lizenzpflichtigen Medikamenten bis auf einige chemische Details gleichen.

Pharmafirmen versuchen eben das zu verhindern, indem sie genau diese Zusammensetzung als originäre Erfindung in denselben Ländern neu patentieren lassen.

GlaxoSmithKline versuchte das Anfang 2006 mit ihrem Präparat Combivir in Thailand und Indien - ein Kombinationspräparat aus den Mitteln AZT und 3TC für die Aids-Behandlung, die als Generika in der Dritten Welt, vor allem in Afrika, weit verbreitet sind. Als Aids-Selbsthilfegruppen der betroffenen Länder das herausfanden und Beschwerde einlegten, gingen Tausende auf die Straße und protestierten. GlaxoSmithKline zog seine Patentanmeldung schließlich zurück.

Der Schweizer Pharmakonzern Novartis versucht etwas ähnliches gerade mit dem Krebsmedikament Glivec. Und wieder protestieren in Indien die Menschen dagegen. Sie fürchten, dass mit einem solchen Patent ein Präzedenzfall geschaffen werden könnte.

Doch dieses makaberes Spiel ist bisher sehr einseitig. Während westliche Pharmakonzerne oft Milliarden mit Medikamenten durch Patente in Entwicklungsländern verdienen, schätzt die indische Regierung, dass weltweit jährlich 2000 Patente ausgestellt werden, die auf traditionellen indischen Heilmitteln basieren. Ohne Kompensation für Indien.

(SZ vom 1.6.2007)

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Leserkommentare (3)



01.06.2007 14:44:49

astra1971: Medikamente mit tödlichen "Neben"wirkungen

Jährlich werden die Zulassungen von 400 Medikamenten widerrufen, die erhebliche und zum Teil sogar tödliche "Neben"wirkungen verursachen. Dies beweist nicht nur die Unwissenschaftlichkeit der Tierversuche, sondern auch, dass jedes neu in den Handel gebrachte Medikament ein völlig unkalkulierbares gesundheitliches Risiko - man nennt es im Pharma-Jargon verharmlosenderweise "Restrisiko" - für den Konsumenten darstellt. Daher wundert es nicht, dass in der BRD mehr Menschen an Arzneimittelnebenwirkungen sterben als im Straßenverkehr - nach zuverlässigen Schätzungen etwa 30.000 pro Jahr. Trotz der masslosen überproduktion von Arzneimitteln, von denen bereits 72.000 auf dem deutschen Markt existieren, sind wir insgesamt nicht gesünder, sondern nur medikamentenabhängiger geworden. 800.000 Medikamentensüchtige sprechen eine deutliche Sprache.


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