Von Jürgen Schmieder

Ein Nichtraucher-Neuling in einer Nichtraucher-Kneipe: Man fühlt sich wie Grenouille aus "Das Parfum". Das ist langweilig wie Kaugummi - und es stinkt erbärmlich.

Rauch in der Kneipe

Das Nichtraucher-Kino: Menschen beim Draußen-Rauchen zusehen. (Foto: dpa)

Ralf passt mir den Ball elegant zu. Ich stoppe ihn, mache eine kurze Finte und prügle das Spielgerät dann humorlos ins linke Eck. Ein kurzer Blick, ein stilles Nicken. Wir führen beim Tischfußball mit 2:1 gegen marokkanische Halbprofis. Ich will - wie immer nach einem Tor - zur Zigarette greifen und einen Zug nehmen. Aber da ist keine mehr, wie schon seit 18 Tagen nicht mehr. Ich bin ja Nichtraucher - und spiele gerade Kicker in einer Nichtraucher-Kneipe.

Das Rauchverbot hat zur Folge, dass es in Kneipen und Kicker-Buden nicht mehr nach Rauch und zuweilen nach Cannabis riecht, sondern nach Mensch. Und wenn 25 Männer solch schweißtreibenden Sportarten wie Tischfußball und Dart nachgehen, dann riecht es von 23 Uhr an in der Kneipe wie eine Mischung aus junger Hund und Umkleidekabine eines Fußball-Kreisligisten.

Dazu ist uns aufgefallen, dass alle Gerüche ungefiltert in unsere Nase steigen. Konnten wir als Qualmer noch eine Rauch-Schutzwand aufbauen, nehmen wir nun Gerüche wahr, als wären wir Grenouille aus Patrick Süskinds Roman "Das Parfum". Während eines Spiels bemerke ich ein auffälliges Damen-Parfum, gebratenes Fett und Biergeruch. Fragen Sie mich nicht, welche Assoziationen diese Kombination in meinem Gehirn auslöste.

Ein zweiter Effekt des Rauchverbots ist die Überbrückung der Langeweile, wenn man eine Spielpause beim Kickern einlegen muss, weil man verloren hat. Konnte man sich bisher als Mann in eine Clint-Eastwood'sche Position begeben, eine Kippe anzünden und mit halb zugekniffenen Augen lässig - und vor allem wortlos - das Treiben in der Kneipe beobachten, haben sich die Zeiten nun deutlich geändert.

Wir stehen an der Wand und sehen uns um. Wir sehen uns an. Ralf sagt: "Und?" Antwort: "Ja." Drei Sekunden Schweigen. Nächster Versuch: "Nochmal Kickern danach?" - "Ja." Schweigen. Dann endlich der erlösende Satz: "Schon komisch, wenn man nicht mehr rauchen darf. Hat man gar nichts mehr zu tun." Stimmt wirklich: Die Langeweile-Zigarette überbrückte so manch peinliches Schweigen.

Wir beschließen, ein wenig "Nichtraucher-Kino" zu spielen. Wir stellen uns an einen Tisch, von dem aus man den Menschen zusehen kann, die zum Rauchen vor die Tür gegangen sind. Wenn man den Menschen so dabei zusieht, wie sie sich mit vor Kälte zitternden Händen an ihrer Kippe festkrallen, dann hat das etwas von einem Stummfilm aus den zwanziger Jahren. Vor allem, wenn ein Mann versucht, mit einer Frau zu flirten - und sie ihn zuerst mit großen Augen ansieht, dann auf ihre aufgerauchte Zigarette deutet und schnell ins Warme geht. Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, wie sie sich aus der Anmache befreite.

Zurück in die Kneipe und zu unserem Kicker-Turnier. Wir haben gegen die Halbprofis verloren. 5:6. Normalerweise ein Grund, gegen eine Kachel im Männerklo zu treten und eine Wut-Zigarette zu rauchen. Wundersamerweise bin ich jedoch gelassen wie eine Hindu-Kuh. Ich bin sowas von Zen. Die Ruhe in Person. Warum? Ich weiß es nicht. Es heißt doch immer, dass Menschen, die mit dem Rauchen aufhören, aggressiv und unausstehlich wären. Funktioniert bei mir irgendwie nicht. Ich schwanke morgens auf dem Weg zur Arbeit zwar viermal zwischen Hochgefühl und Depression, das war aber als Raucher auch nicht anders.

Nein, wir stehen ruhig am Gerät und überlegen uns eine Stragegie. Ja, wir analysieren sogar Fehler. Das wäre uns als Lucky Lukes des Kickertisches nicht passiert. Ruhig wie Mönche in einem tibetischen Kloster schreiten wir zur Tat - und fegen die Jungs mit 6:3 vom Tisch. Nach dem obligatorischen Siegestanz brauchen wir keine Zigarette, sondern stellen uns wieder an unsere Wand. Jetzt haben wir ja auch etwas zu diskutieren. "Wahnsinnstrick am Ende!" - "Super Parade, Ralf!" - "Sind wir gut!"

In diesen Momenten braucht man keine Zigarette mehr - auch wenn es nach Eigenlob duftet.

(sueddeutsche.de/mmk)

(Foto: )

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Meine Lunge gehört mir!
Woche 1Woche 2Woche 3
Projekt: Der Start Projekt: Urlaub Projekt: Nichtraucher-Kneipe
Gerauchte Zigaretten 133 (= 19 pro Tag) 0 (in Worten: Null) 0 (immer noch!)
Aggressionslevel 15 % 30-50 % (je nach Tagesform) 20 %
Gewichtszunahme 0 Kilo 0 Kilo - 1 Kilo
Lebensqualität 40 % 100 % 90 %
Sportlichkeit 30 % 35 % 40 %
Mitmenschen glauben nicht an den Erfolg luschen ab beneiden mich

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Leserkommentare (40)



22.01.2008 09:50:57

hzeisberger: mehr Sinn im Leben

... der Autor beschreibt, dass die Zigarette dafür genutzt wurde, Langeweile zu vertreiben. Man musste sich mit der Zigarette keine Gedanken machen, wsa halt so passiert, hat so in den Tag gelebt.

Interessant ist, dass der Autor schreibt, dass man ohne Zigarette mehr gezwungen ist, etwas sinnvolles im Leben zu machen. Die Reflektion des Niederlage, die neue Strategie als Schlüssel zum Erfolg?

Sind Nichtraucher erfolgreicher? Machen Nichtraucher mehr aus Ihrem Leben?

Keine Ahnung, aber der Gedanke drängt sich bei solchen Geschichten etwas auf - das gewonnene Spiel, der nicht gelungene Flirt sind doch Indikatoren.

Ein Problem habe ich damit, dass immer wieder behauptet wird, dass es jetzt nach Schweiss, Essen, etc. riecht. Das hätte es früher auch schon. Nur der penetrante Zigarettengestank hat alles überdeckt. Wenn ein penetranter Gestank durch einen etwas weniger penetranten Gestank abgelöst wird, soll es plötzlich schlimm sein?!? Essensgrüche sind auch nichts? Was sind die Rauchverbotsgegner plötzlich doch für Memmen - entweder Rauch oder gar kein Geruch. Also wascht euch einfach und nehmt Deo...


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