Von Kathrin Burger

Flavonoide wirken im Körper nicht so, wie es Laborversuche vermuten lassen.

 
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Erfunden von italienischen Wissenschaftlern sollen die in der als "Rotwein-Pille" beworbenen Kapsel enthaltenen Polyphenole den Menschen vor dem Angriff so genannter freier Radikale schützen.

Polyphenole verleihen Rotwein seine Aromen und die Farbe, ihre chemische Struktur ist ideal, um vagabundierende aggressive Sauerstoffradikale - Abfallprodukte des Stoffwechsels - unschädlich zu machen. Im Labor zumindest funktioniert das auch.

Nach den Ergebnissen einer neuen Studie entfalten zumindest die zu den Polyphenolen zählenden Flavonoide im Körper jedoch ganz andere Wirkungen als im Reagenzglas. Silvina Lotito und Balz Frei, Wissenschaftler am Linus-Pauling-Institut in Oregon, haben die jüngsten Forschungsarbeiten zu Flavonoiden aus Obst und Gemüse, Wein, Tee, Kaffee und Schokolade ausgewertet.

Sie kommen zu dem Schluss: Nur etwa fünf Prozent dieser Substanzen gelangen überhaupt über das Verdauungssystem ins Blut. Dieser minimale Rest werde sogleich abgebaut und könne damit keine Sauerstoffradikale mehr eliminieren (Free Radical Biology & Medicine, Bd. 41, S. 1727, 2006).

Der menschliche Organismus ist dem oxidativen Stress durch aggressive Radikal-Moleküle jedoch keineswegs hilflos ausgeliefert. Mehrere Enzyme und andere Antioxidantien wie das körpereigene Ubiquinon oder Harnsäure arbeiten dagegen an - und zwar viel effizienter als jedes Flavonoid, sagt Gerhard Rechkemmer, Präsident der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe.

"Nach einer Zwiebelmahlzeit ist reichlich Harnsäure im Körper, etwa tausend Mal so viel wie von dem Flavonoid Quercetin, das ebenfalls in der Zwiebel vorkommt." Und Quercetin zählt bereits zu jenen Flavonoiden, die in verhältnismäßig großen Mengen ins Blut gelangen. "So langsam wird uns klar, dass wir die antioxidative Macht der Pflanzenstoffe überschätzt haben," räumt Gerhard Rechkemmer ein.

Es waren die Ergebnisse von Reagenzglas-Experimenten, die auf die falsche Fährte gelockt haben. Im Laborversuch sind sekundäre Pflanzenstoffe vielfach bessere Radikalfänger als Vitamin C oder E. Doch heute weiß man, dass dies wenig darüber aussagt, was im Körper passiert. "Die antioxidative Wirkung einer Ofenkartoffel übertrifft im Labor die von Brokkoli um das Vierfache," rechnet Denis Gingras, Krebsforscher am Labor für Molekularmedizin des Hôpital Sainte-Justine in Montréal vor. "Trotzdem schützt eine Kartoffel nicht vor Krebs."

Wie wenig gesichertes Wissen es über die Pflanzenstoffe im Körper als Nahrungskomponente noch gibt, zeigt auch die neueste These der Experten: "Flavonoide können über Signalstoffe Immunzellen stimulieren," schreibt das Autoren-Duo Lotito und Frei vom Linus-Pauling-Institut. Die Immunzellen neutralisieren dann schädliche Substanzen.

"Außerdem beeinflussen Flavonoide die Aktivität der Gene," ergänzt Rechkemmer. Bereits geringe Flavonoid-Mengen, so die Forscher Lotito und Frei, aktivierten Enzyme im Blut, die für Gefäßelastizität sorgen, den Blutdruck senken und Entzündungen vorbeugen.

(SZ vom 8.5.2007)

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