Steiler, härter, schneller: Nicht nur im Rennsport werden Hänge mit immensem Aufwand präpariert - und die Pistenbullys schon mal an Seilwinden gehängt.
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Nein, das Foto ist nicht gekippt - das ist so steil. Foto: oh
Bruno Kernen ist ein angenehmer Mensch. Imposante Erscheinung, 36 Jahre alt und versehen mit dem wunderbaren Dialekt des Berner Oberlandes. Vor zwei Jahren beendete der ehemalige Abfahrts-Weltmeister seine Karriere, fährt aber noch fürs Fernsehen die Strecken ab, Kamera in der Hand, also beileibe nicht in Renntempo.
Doch als Kernen bei der Ski-WM in Val d'Isère den letzten Sprung der "Face de Bellevard" nahm und dabei fast 50 Meter weit flog, da erschreckten sich einige über den netten Herrn Kernen. Die Pistenchefs schlugen die Hände vors Gesicht, murmelten ein "Mon Dieu" ins Walkie-Talkie und dachten: "Wenn der mit der Kamera schon so weit fliegt, wie weit fliegen dann erst die Profis?"
Flugs verordneten sie im Training ein Speedverbot für den Zielsprung und trugen die Schanze über Nacht mit Schaufeln ab, damit aus den rasenden Kanonenkugeln in Rennanzügen nicht auch noch Skispringer würden. Die grausigen Bilder vom Sturz Daniel Albrechts sind allen noch im Bewusstsein.
Wirtschaftliches Großereignis
Pistenpräparierung ist ein Dauerthema im alpinen Rennsport. Weltcuprennen sind schon lange nicht mehr bloß sportliche Wettkämpfe zwischen Slalomstangen, sondern wirtschaftliche Großereignisse. Muss ein Rennen abgesagt werden, ist das nicht nur ärgerlich für Zuschauer und Aktive, sondern oft ein pekuniäres Desaster für die Organisatoren. Sie tun alles, um Wind und Wetter zu trotzen, die Piste auch bei Schneesturm oder Föhneinbruch rennfertig zu bekommen.
Wochenlang vorher sind die Weltcupstrecken für Touristen gesperrt, Tag und Nacht wird beschneit, geschaufelt und vereist, um auch noch für Läufer jenseits von Startnummer 50 annähernd gleiche Bedingungen zu schaffen. Das Ergebnis ist meist ein spiegelglattes Geläuf, auf dem sich Normalsterbliche kaum auf den Beinen halten können. In Val d'Isère verglichen einige den unteren Teil der Abfahrtspiste mit einer in die Vertikale gekippten Eisschnelllaufbahn.
Teufelsritt ins Koma
Die extreme Bearbeitung der Pisten schickt die Athleten in Grenzbereiche. Beim Lauberhornrennen in Wengen wurden im Hanegg-Schuss mehr als 150 Kilometer pro Stunde gemessen. In Kitzbühel beschleunigen die Fahrer in drei Sekunden von null auf 70 Kilometer pro Stunde. Nach zweiminütigem Teufelsritt schießen sie dann mit müden Muskeln und Tempo 135 auf das Abschlussspektakel Zielsprung zu. Daniel Albrecht bekam zu viel Luft unter die Ski, stürzte und wachte erst nach knapp einem Monat aus dem künstlichen Koma auf.
Im Vorjahr war Scott McCartney an der selben Stelle kapital gestürzt. Den Zielsprung zu entschärfen kam für die Veranstalter nicht in Frage - Spektakel muss sein. Dagegen haben die Verantwortlichen in Wengen, wo die Fahrer noch eine halbe Minute länger unterwegs sind, den Zielsprung abgetragen. In den Jahren zuvor waren viele total entkräftete Abfahrer ins Ziel gestürzt; 1991 kam dort Gernot Reinstadler zu Tode.
Wer in Val d'Isère den ZDF-Experten Armin Bittner den extrem eisigen Slalom-Hang abrutschen sah, dem wurde schon beim Zusehen unwohl: Wacklig wie ein Amateur glitt der ehemalige Slalom-Weltcupsieger gen Tal. Den Profis erging es kaum besser: Von 75 kamen nur 26 ins Ziel. Das andere Extrem traf die Biathleten bei der WM in Südkorea: Dauerregen und Plus-Grade verwandelten die Kunstschneeloipe in eine nahezu unbrauchbare Pampe, zahllose Stürze waren die Folge - bei Tempo 70 und mit einem Gewehr auf dem Rücken.
Auch in der Olympia-Destination 2010 macht man sich Sorgen: Vor kurzem musste ein Teil der Probewettbewerbe abgesagt werden. Einige Wettkampfstätten in Vancouver liegen direkt am Meer und werden den Pistenchefs mit dem feuchten Klima - und dem daraus resultierenden Pappschnee - noch Kopfzerbrechen bereiten.
In den Alpen sieht man sich mit anderen Problemen konfrontiert: Wie verwalte und erhalte ich die immer geringeren Schneemengen? Heftige Schneefälle wie zuletzt sind die Ausnahme - und ein Segen für Liftbetreiber. Sie nutzen die derzeitigen Massen, um Schneedepots anzulegen, für harte, schneelose Zeiten. Mit der Pistenpräparierung allein ist es also nicht getan - wobei diese aufwendig genug ist.
Beispiel Mayrhofen im Zillertal: 157 Pistenkilometer, zu 100 Prozent beschneit mit 107 Schneekanonen und 41 Schneelanzen. Zwölf Pistenraupen sind von 17 bis 23 Uhr unterwegs, sagt Josef Geisler, der Betriebsleiter der Mayrhofener Bergbahnen. Allein für den Funpark müssen jährlich in mehr als 1500 Pistenraupenstunden 100.000 Kubikmeter Schnee bewegt werden.
Fanshop für Überlebende
Die meiste Arbeit macht ein 400 Meter langer Hang namens "Harakiri": die "schwärzeste Piste Österreichs" mit 78 Prozent Gefälle. Vor ein paar Jahren schuf man dieses steilste präparierte Stück Piste. Ein Medien-Hype samt Werbefilm lockte nicht nur gute Skifahrer, sondern auch viele "fröhliche Rutscher", die sich als Harakiri-Bezwinger rühmen wollen, jedoch meist haltlos den Hang hinunterdonnern.
Die Harakiri zieht Neugierige an, und so muss Pistenchef Geisler allein für die Präparierung dieses halben Kilometers mindestens zwei Stunden einplanen. "Sieben, acht Mal muss der rauf und runter fahren", sagt Geisler - und das sind unangenehme Fahrten. Die Pistenbullyfahrer sind angeschnallt wie Rallye-Piloten und hängen mit ihrem zehn Tonnen schweren, knapp 500 PS starken und 340.000 Euro teuren Gerät an einer Winde, einem elf Millimeter dicken Stahlseil. "Das ist nicht jedermanns Sache", sagt Geisler, "wir haben zwei, drei Leute, die das machen. Die anderen sind nicht scharf drauf."
Die Präparierung mit Winde ist auch in weniger steilem Gelände üblich - und birgt noch ganz andere Probleme. Die Seile sind oft so lang, dass nächtliche Tourengeher nicht mit ihnen rechnen, weil weit und breit kein Bully zu sehen ist. Wenn die extrem gespannten Seile dann über den Hang schnellen, kommt es zu "schwersten Verletzungen", berichtet Manfred Scheuermann vom Deutschen Alpenverein. "Das Risiko ist extrem groß."
Die Präparierung der Harakiri beginnt mit den ersten Schneefällen und kann sich bis in den Januar ziehen. "Die ersten Wochen der Saison ist sie immer gesperrt", sagt Geisler. Der Schneedeckenaufbau erfolgt schichtweise, die Grundpräparierung dauert drei bis vier Wochen. Täglich muss beschneit und verdichtet werden, jeweils bloß die fünf Zentimeter an der Oberfläche werden bearbeitet.
Nach all dem Aufwand können die Bergbahnen ein Harakiri Shooting anbieten: Freitags zwischen 13 und 15 Uhr wird fotografiert, der Bezwinger kann ein Foto erstehen - und dazu im Merchandising-Shop diverse Harakiri-Survivor-Fanartikel.
(SZ vom 23.02.2009/bilu)











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