Interview: Birgit Lutz-Temsch

Ein Zukunftsforscher erklärt, warum Wandern in ist und wir dabei schicke Jacken tragen wollen - ein Gespräch über Wertewandel und Megatrends.

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Immer beliebter: Klettersteige. Foto: ddp

Alles, was draußen stattfindet – darum geht es bei der OutDoor-Messe in Friedrichshafen. Eike Wenzel, Seniorberater am Zukunftsinstitut in Kelkheim, stellt dort seine Studie zur Zukunft der Branche vor.

SZ: Gerade im Outdoor-Bereich werden alle naselang neue Trendportarten ausgerufen, die schnell wieder verschwinden. Wer steht hinter solchen Hypes?

Eike Wenzel: In solchen Fällen wird mit dem Begriff Trend so umgegangen, als wäre ein völlig neues Freizeitgefühl entstanden. Diese angeblichen Trends scheinen stark von der Industrie gesteuert. Sie haben wenig mit den Bedürfnissen der Menschen zu tun. Deshalb sind sie ja so kurzlebig.

SZ: Insgesamt aber boomt die Outdoor-Branche. Warum?

Wenzel: Die Outdoor-Branche erweist sich derzeit als völlig krisenresistent. Es werden unglaubliche Summen für Werbung ausgegeben - die getragen sind von hohen Wachstumsraten. Ein Grund dafür ist, dass sich zum Beispiel Outdoor-Kleidung in den Städten immer mehr durchsetzt. Das ist außergewöhnlich: Hier ist ein Trend aus der Natur, in diesem Fall aus der Community der Abenteurer, in die Städte gewandert. Normalerweise ist es umgekehrt.

SZ: Aber hinter dieser Entwicklung steckt doch mehr als eine Modefrage.

Wenzel: Natürlich. Dahinter steht ein sogenannter Megatrend. Trendforscher verstehen darunter eine langfristige Veränderungsbewegung in Gesellschaft und Wirtschaft, die sich schlussendlich auf das Konsumverhalten auswirkt. Derzeit haben wir Megatrends zur Natur, zur Gesundheit, zum gesunden Leben. Dadurch verändern sich Bedürfnisse, Werte und das Freizeitverhalten. Vor Jahren waren zum Beispiel Freizeitparks ein Riesenthema - jetzt nicht mehr. Die Leute wollen kein Massenvergnügen, keine veranstaltete Freizeit mehr. Die Bedürfnisse haben sich individualisiert.

SZ: Aber dieser Outdoor-Boom ist ja nun auch ein Massenphänomen.

Wenzel: Aber es geht um individuelles Erleben. Ein Beispiel: Es gibt viele neue, junge Wanderer. Die wollen ein Kontrasterlebnis zu ihrem Büro-Alltag, die wollen die Natur, aber sie wollen sie nicht mehr nur als Idylle.

SZ: Als was dann?

Wenzel: Die neuen Käufer in der Outdoor-Branche wollen der Natur "convenient" begegnen. Sie wollen raus - aber bequem. Und schick. Denen darf man keine Kniebundhosen anbieten. An deren Bedürfnisse können ganz andere Märkte anschließen als bei der Generation Luis Trenker. Hinzu kommt, dass Natur zu einer Kategorie geworden ist, die in Frage gestellt ist. Die Natur verändert sich durch den Klimawandel und wird dadurch wertvoller. Und deshalb wiederum haben die Menschen ein größeres Bedürfnis, Natur zu erleben.

SZ: Welche Rolle spielt dabei die Nachhaltigkeit der Produkte?

Wenzel: Da muss man sehr genau hinschauen. Das Bedürfnis der Menschen nach nachhaltigen Produkten ist zweifellos vorhanden. Das ist Teil der Megatrends Gesundheit und Neo-Ökologie: Man will sich und anderen guttun. Marken, die zukünftig geliebt werden wollen, müssen nachhaltig wirtschaften. Das ist der Weg. Den gehen aber viele Firmen noch halbherzig, die denken, sie haben die Konsumenten schon mit einer kurzen Pressemitteilung im Sack. Das wird so aber nicht funktionieren.

SZ: Sondern wie?

Wenzel: Das muss tiefer gehen - bei manchen Firmen kann man schon die gesamte Produktionskette kontrollieren, die Wolle vom Schaf bis in den Laden verfolgen. Aber das sind momentan noch Einzelfälle.

SZ: Was wird es in 20 Jahren auf der Outdoor-Messe geben?

Wenzel: Wir werden viele Produkte finden, die auf bewusstere Weise produziert sind. Dazu zählen auch grüne Innovationen: Produkte, die nicht mehr kaputt gehen und nicht mehr ersetzt werden müssen, oder Produkte, die man selbst weiterentwickeln kann - wie Kinderfahrräder, die mitwachsen zum Beispiel. Es wird Produkte mit Hightech geben, die dem Konsumenten die Möglichkeit geben, das Produkt zu optimieren, anstelle ein neues zu kaufen.

(SZ vom 13.07.2009/bilu)