Ein Mann mit einer haarigen Angelegenheit findet sich auf dem gelben Sofa unseres Autors ein. Ein Mann im besten Alter - dessen Haare vom Kopf fallen und dafür am Rumpf zu wuchern beginnen. Kann ihm geholfen werden?
Das Monchichi: Über mangelnden Haarwuchs kann sich dieser Zeitgenosse nicht beklagen. Foto: www.monchichi-world.de
Ein Mann, am Scheitelpunkt seines Lebens. Betrübt sitzt er auf meinem gelben Sofa. Er ist in einer haarigen Angelegenheit gekommen. Immer wieder sieht er im oberen Bereich seines Blickfelds leichte Schatten, so als ob sich ihm die Fransen eines Vorhangs zeigen würden, der bald herabgelassen würde.
Eine endzeitliche Metapher? Der Kollege wirkt deutlich melancholisch und hält sich für einen Feuilletonisten, ist aber ansonsten gesund. Dem Manne kann geholfen werden, es sind lediglich die Augenbrauen, die mit den Jahren dichter und länger geworden sind und nun gelegentlich nach unten ragen und die Sicht trüben.
Die Lösung ist schnell bei der Hand: Zupfen, zwirbeln oder gegen den Strich bürsten.
Doch die Freude über die rasche Abhilfe währt nur kurz, die Haare machen dem Mann auch anderswo zu schaffen. Er berichtet von regelrechten Auswüchsen. Aus Nase und Ohren würde es bei ihm wuchern, der Kopf wird kahl, der Bauch wächst zu. Nein, er habe nicht den Eindruck, dass er Haare verlieren würde. Es sei eher ein Gleichgewicht des Schreckens. Was oben abhanden käme, würde weiter unten sofort wieder auftauchen. Er zeigt kleine Inseln am Torso mit besonders intensivem Bewuchs, entblößt sogar den halben Rücken. Nein, er ist heute nicht zärtlich gegen sich gestimmt.
Zum Äußersten entschlossen
Auch hat er Material mitgebracht, von Wolfsmenschen und anderen Opfern seltener Mutationen. Hier die historische Zeichnung eines völlig zugewachsenen Jungen. Angeblich wurde er im 16. Jahrhundert von Piraten auf den Kanaren entdeckt und dem französischen König Henry II. zum Geschenk gemacht. Und er hat Bilder von Danny Ramoz Gomez dabei, einem 1981 in Mexiko geborenen Zirkusakrobaten, der bis auf die Lippen am ganzen Körper mit dichten Haaren bewachsen ist und an einer raren Erbkrankheit leidet, aber sagt, sein Wollkleid schütze ihn vor anderen Menschen.
Der Kollege will aber gar nicht vor anderen Menschen geschützt werden. Er hat Angst. Tränen kullern über seine flauschigen Wangen. Er will nicht in ein paar Monaten so aussehen wie das Monchichi-Männchen aus der Pfalz, das seit 2006 die SPD führt.
In meinen Augen verschwimmt die feine Textur der Körperoberfläche des Kollegen mit dem Sofabezug. Er redet sich förmlich in Rage, zitiert aus "Asterix der Gallier" - das ist der Band, in dem Miraculix den Römern ein Haarwuchsmittel statt Zaubertrank braut.
Er schwärmt von seinem letzten Türkei-Besuch, dort kenne man das Problem, habe mehr Verständnis. Mit einer Art Lötkolben seien ihm dort wenigstens die Haare in Ohren und Nase versengt worden, ein nasses Handtuch habe den Schwelbrand schnell wieder gelöscht. Aus dem Nachbarzimmer tönt "Kuschelrock 3" herüber, dann ein Gassenhauer aus "Hair".
Ich versuche zu trösten, will auf die virile Ausstrahlung von Männern mit Glatze und ausgeprägtem Körperbewuchs zu sprechen kommen. Er kann das nicht bestätigen, gibt sich widerborstig und sieht sich in Liebesdingen kahl gestellt. Zudem kennt er Freud und die Frauen - ihre Angst vor Spinnen sei eigentlich eine Abwehrhaltung gegenüber stark behaarten Männern, hat er gelesen.
Er ist zum Äußersten entschlossen und will sich flächendeckend enthaaren lassen. Ich verzweifle und denke an die Irrungen der Pharmaindustrie. Die hatte vor Jahren eine Kampagne gestartet, um den Haarausfall der Damen als neue Krankheit zu bewerben und ein Mittel dagegen vorzustellen. Welche Verkennung der wahren Problemzonen! Die befinden sich nicht am Kopf der Frau, sondern am Rumpf des Mannes.
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