7. Februar 2013 10:16 Wochenbettdepression Im Mutterunglück

Sarina Pfauth

Angst, Schuld und Leere statt der großen Freude: Eine Wochenbettdepression tritt nicht zwangsläufig im Wochenbett auf. Und sie ist etwas ganz anders als die Erschöpfung, die viele junge Mütter empfinden. Psychiaterin Christiane Hornstein im Interview über Anzeichen, Hilfen - und die Bedeutung von ausreichendem Schlaf.

Christiane Hornstein ist Ärztin für Psychiatrie. Sie ist Leiterin und Gründerin der Mutter-Kind-Behandlung am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden in Wiesloch. Als Expertin für psychische Erkrankungen rund um die Geburt hat sie zum Thema postpartale Depression zahlreiche wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht.

Süddeutsche.de: Frau Hornstein, das Gefühl, überfordert und ausgelaugt zu sein, kennen viele Säuglingsmütter, und manch eine fragt sich: Ist das noch normal? Woran erkennt man eine Wochenbettdepression?

Christiane Hornstein: Die postpartale Depression zeichnet sich durch ein Gefühl von innerer Leere und fehlender Freude am Baby aus. Die erwartete Freude und das erhoffte Glück kann man nicht erfinden. Man weiß im Kopf, dass man sich freuen müsste, aber man fühlt es nicht. Höchstens Mitleid, Angst, Sorge und Schuldgefühle.

Süddeutsche.de: Was sind die ersten Anzeichen für eine postpartale Depression?

Christiane Hornstein: Eines der Frühsymptome sind Schlafstörungen. Alle Mütter werden nachts von ihren Babys geweckt, aber wenn man zwar müde und erschöpft ist, aber trotzdem nicht mehr in den Schlaf findet, weil man grübelt und negative Gedanken im Kopf kreisen, dann ist das ein Hinweis darauf, dass eine Depression anfängt.

Süddeutsche.de: Welche Symptome beobachten sie sonst noch häufig?

Christiane Hornstein: Die Frauen sind oft unruhig und können nichts zu Ende bringen. Manchmal sind sie körperlich so erschöpft, dass jeder Schritt schwer fällt. Sie empfinden das Baby meist als sehr anstrengend, jedes Weinen ist eine große Belastung. Daraus kann sich Gereiztheit gegenüber dem Kind entwickeln. Oft kann die depressive Mutter die Signale des Babys nicht gut interpretieren kann und schafft es deshalb auch nicht, das Kind schnell zu beruhigen.

Süddeutsche.de: Wann tritt eine Wochenbettdepression auf?

Christiane Hornstein: Nicht immer sofort nach der Geburt - das Risiko ist im ersten Halbjahr nach der Geburt des Babys erhöht.

Süddeutsche.de: Gibt es Auslöser oder eine Ursache?

Christiane Hornstein: Das Risiko ist am höchsten, wenn man selbst oder jemand aus der Familie schon einmal eine depressive Erkrankung hatte oder wenn man in der Schwangerschaft überängstlich war. Auch psychosoziale Belastungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, an einer Wochenbettdepression zu erkranken. Dazu gehören soziale Isolation und das Gefühl, dass man vom Partner nicht unterstützt wird. Weitere Risikofaktoren können zum Beispiel Zukunftsängste, Unzufriedenheit mit der Lebenslage und Geldsorgen sein.

Süddeutsche.de: Wie erkennen Angehörige oder Freunde eine postpartale Depression?

Christiane Hornstein: Wenn man mit der Person vertraut ist, merkt man oft als erstes, dass sich der Gesichtsausdruck verändert. Häufig zeigen die Betroffenen außerdem eine inadäquate Gereiztheit. Aber man kann eine postpartale Depression nicht einfach sehen. Auch am Umgang mit dem Baby lässt sich nicht erkennen, wie sich die Mutter fühlt. Die Betroffenen bemühen sich enorm um ihr Kind und tun alles, um es gut zu versorgen, auch wenn es ihnen sehr schlecht geht. Deshalb muss man reden - und der Mutter die einfache Frage stellen: Wie geht es Dir?

Süddeutsche.de: Woran merke ich als Mutter selbst, dass ich Hilfe brauche?

Christiane Hornstein: Wenn ich nicht mehr in den Schlaf finde und keine Freude mehr am Kind empfinde. Immer ein Alarmsignal sind suizidale Gedanken: Der Wunsch, nicht mehr da zu sein, der Gedanke: "Das Baby hat eine bessere Mutter verdient, am Besten, ich wäre weg" oder auch der Impuls, wegzulaufen.

Süddeutsche.de: Wie findet man Hilfe?

Christiane Hornstein: Am Besten ist es, zunächst zum Psychiater zu gehen, also zum Facharzt, um abzuklären, was die Ursache ist. Häufig haben Frauen nach der Geburt zum Beispiel eine Schilddrüsenfunktionsstörung, die mit depressiven Symptomen einhergehen kann. Da muss man dann die Schilddrüse durch Hormone regulieren.

Süddeutsche.de: Wie wird eine Wochenbettdepression behandelt?

Christiane Hornstein: Bei mittelschweren und schweren Depressionen kombinieren Ärzte Psychopharmaka und Psychotherapie. Die Gabe von Antidepressiva ist sinnvoll, weil sie den Frauen oft hilft, rascher aus der Depression herauszukommen. Außerdem ist es gut, Schlafstörungen kurzfristig sofort zu behandeln - auch bei leichteren Depressionen, damit die Frauen nicht in eine schwerere hineinrutschen. Es gibt übrigens Psychopharmaka und auch Schlafmittel, die mit dem Stillen vereinbar sind. Bei schweren Fällen gibt es außerdem die Möglichkeit einer Mutter-Kind-Behandlung in einer Klinik.

Wie sich ein Baby entwickelt Riesenschritte im ersten Jahr

Süddeutsche.de: Müssen Frauen Angst haben, dass ihnen ihr Baby weggenommen wird, wenn sie anderen ihre schweren Gedanken anvertrauen?

Christiane Hornstein: Auf keinen Fall! Eine Depression ist kein Grund, ein Kind wegzunehmen. Psychische Krankheiten sind episodische Erkrankungen, die gut behandelbar sind. Überdies sind die Jugendämter vor allem mit ihren Aktivitäten der "Frühen Hilfen" ganz darauf ausgerichtet, Mütter zu unterstützen, damit sie mit ihrem Baby zurechtkommen und mit ihm zusammenbleiben. Es besteht überhaupt kein Interesse daran, ein Kind aus der Familie herauszunehmen es sei denn, die Familie benötigt oder wünscht eine vorübergehende Entlastung.

Süddeutsche.de: Welche Hilfe bietet das Jugendamt betroffenen Familien an?

Christiane Hornstein: Zum Beispiel Unterstützung durch eine sozialpädagogische Familienhilfe, die vor Ort Mutter und Kind stundenweise betreut. Oder durch eine Familienhelferin, die auch im Haushalt mitarbeitet.

Süddeutsche.de: Kann man als Schwangere oder in der Zeit nach der Geburt einer Depression vorbeugen?

Christiane Hornstein: Ja! Indem man dafür sorgt, dass man immer wieder ungestört schlafen kann. Auf Entbindungsstationen wird es heute ungern gesehen, wenn die Mutter ihr Kind nachts abgibt, aber wer Risiken für Depressionen hat, sollte dies vor allem am Anfang unbedingt tun. Denn das Schlafdefizit ist bei Frauen mit einem erhöhten Risiko oft der Auslöser für die Depression. Das ist belegt.

Süddeutsche.de: Was würden sie Frauen raten, die einfach nur erschöpft sind vom Alltag mit Baby?

Christiane Hornstein: Sich Unterstützung zu holen. Feste Vereinbarungen mit Verwandten, Freunden oder dem Partner treffen, um Zeit für sich zu haben. Zumindest zweimal in der Woche zwei Stunden zum Entspannen sollten es schon sein. Auch da können Angebote der "Frühen Hilfen" genutzt werden. Außerdem empfehle ich: Rausgehen aus der Wohnung, Kontakt aufnehmen, vor allem zu Menschen mit denen man auch früher gerne zusammen war. Der Rollenwechsel fällt verständlicherweise oft schwer, gerade den vielen älteren Müttern, die schon beruflich erfolgreich waren und ihren Tagesablauf jahrelang selbst bestimmen konnten. Deshalb ist es so wichtig, wieder aus der Wohnung rauszukommen und ab und zu Zeit für sich zu haben.

Weitere Informationen und Adressen von Ärzten und Psychologen finden Sie auf der Homepage der Selbsthilfegruppe Schatten und Licht. Die Jugendämter bieten "Frühe Hilfen" für Familien mit Babys und Kleinkindern an. Für diese Unterstützungs- und Beratungsangebote arbeiten sie auch mit Hebammen und Kinderkrankenschwestern zusammen. Bei Bedarf kann sich jede Mutter an das zuständige Jugendamt wenden.

Mehr über den Umgang mit dem Baby erfahren Sie in unserem Ratgeber.