5. Februar 2013, 13:55 Tipps für den Einkauf von Joghurt Großes Geschäft mit Kleinstlebewesen

Milch und Bakterien machen den Joghurt. Das Geld aber bringen Aromen, Phantasie-Namen - und vor allem Gesundheitsverheißungen. Doch was ist dran an Prä- und Probiotika und den laktosefreien Produkten?

Von Berit Uhlmann

Mehr als 40.000 Artikel liegen in einem durchschnittlichen deutschen Supermarkt aus. Welche davon taugen etwas? Was nützt, was schadet der Gesundheit? Wie sinnvoll sind Bio-Nahrungsmittel und welche Werbefallen stellt die Lebensmittelindustrie dem Konsumenten? In regelmäßiger Folge bewerten wir hier weit verbreitete Lebensmittel für Sie. Teil 7: Joghurt

Das hatte der Welt gerade noch gefehlt: Im vergangenen Jahr kam der FC-Bayern-Joghurt auf den Markt. Der Hersteller druckte das Klub-Emblem auf seinen Fruchtjoghurt und verkaufte ihn teurer als das Original ohne diesen Aufdruck, wie die Verbraucherzentrale Hamburg bemängelte.

Es wäre kein Wunder, wenn den Firmen die Ideen für neue Sorten ausgehen würden. 2000 verschiedene Joghurts waren allein zwischen 2001 und 2008 auf dem Markt - eine Vielfalt, die kaum ein anderes Lebensmittel erreicht, wie eine Marktstudie der Universtiät Kiel aufführt. Und es wäre auch nicht verwunderlich, wenn die Hersteller selbst mit zweifelhaften Kreationen auf der Welle des immer Neuen weiterreiten. Denn die Vielfalt ist den Kieler Autoren zufolge ein wesentlicher Grund für den seit mindestens 15 Jahren steigenden Absatz des Milchproduktes.

Zweiter großer Erfolgsfaktor sind die vermeintlichen Gesundheitseffekte, die einige Hersteller suggerieren. Doch die meisten dieser Verheißungen sind nicht weniger fragwürdig als Kreationen à la "Märchen-Joghurt" oder "Joghurt Fantasie".

Prinzipiell ist Joghurt auf dem Speiseplan durchaus empfehlenswert. Seine Milch liefert das wichtige Kalzium. Purer, fettarmer Joghurt ist mit 71 Kilokalorien pro 150-Gramm-Becher zudem leichte Kost. Als Harvard-Wissenschaftler im renommierten New England Journal of Medicine eine Art Hitliste der Dickmacher veröffentlichten, stand Joghurt weit unten. Das heißt, Menschen, die viel Joghurt aßen und dafür andere Lebensmittel wegließen, nahmen eher ab.

Allerdings dürfte dies längst nicht für jeden Supermarkt-Joghurt gelten. In einer aktuellen Untersuchung von Öko-Test enthielten alle 20 getesteten Erdbeerjoghurts sehr viel Zucker - bis zu zehn Stück Würfelzucker im 250-Gramm-Becher. Dies sind noch etwa zwei Stück mehr, als 250 Milliliter Cola enthalten.

"Erkennbar ist der Zuckeranteil für den Verbraucher allerdings meist nicht", kritisiert Armin Valet von der Vebraucherzentrale Hamburg. Die Angabe des Zuckeranteils ist erst ab 2014 Pflicht, auf den meisten Produkten findet sie sich allerdings jetzt schon. Doch beim Joghurt drücken sich viele Hersteller noch.

Mit enormen Werbeaufwand haben einige Joghurt-Hersteller den Probiotika jahrelang "beinahe Wunderwirkungen zugeschrieben", sagt Oliver Huizinga, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherorganisation Foodwatch. Doch der Effekt ist klein und eher schnöde.

Probiotika sind Bakterien, von denen laut wissenschaftlicher Definition mindestens 30 Prozent den menschlichen Darm lebend erreichen sollen. Anders als die herkömmlichen Milchsäurebakterien im Joghurt müssen sie also zu einem guten Teil Magensäure und Gallensalze überstehen. Einmal im Darm angekommen, sollen Probiotika schädlichere Bakterien verdrängen.

Und was hat der Mensch nun davon? "Akuter Durchfall kann eventuell etwas schneller abklingen", sagt Bernward Bisping, Lebensmittel-Mikrobiologe an der Universität Hamburg. In gewissem Maße könne auch dem Durchfall, wie ihn viele Urlauber in südlichen Gebieten durch den Kontakt mit ungewohnten Lebensmittelkeimen erleben, vorgebeugt werden. Praktikabler als in unbekannten Gefilden täglich auf die Suche nach geeignetem Joghurt zu gehen, ist es allerdings, sich vor dem Urlaub Kapseln mit gefriergetrockneten Probiotika-Kulturen in der Apotheke zu besorgen und vor jeder Mahlzeit einzunehmen. Damit ist auch die richtige Dosierung gewährleistet, denn der Aufdruck "mit Probiotika" auf dem Joghurtbecher ist nicht unbedingt eine verlässliche Angabe, wie Öko-Test ebenfalls zeigte.

Doch egal wie sie eingenommen werden: "Probiotika sind kein Freibrief, Ernährungsregeln wie 'Cook it, peel it or forget it' über Bord zu werfen", sagt Bisping. Nimmt man im Ausland zu große Mengen von unvertrauten Keimen auf, helfen auch die Probiotika nicht mehr.

Nun lässt sich mit dieser Wirkung nicht allzu viel Staat machen; schwer vorstellbar ist allein, dass die Hersteller das Wort "Durchfall" auf das Etikett drucken. So behalfen sie sich längere Zeit mit verschwurbelten Ausdrücken wie "hilft der Darmflora" oder "aktiviert die Abwehrkräfte". Doch über die Diarrhoe hinausgehende Wirkungen sind nicht nachgewiesen. Die Werbeversprechen sind mittlerweile auch nicht mehr erlaubt.

Weitgehend unklar ist der Nutzen der Präbiotika. Dies sind Wachstumsstoffe, die die Vermehrung der Probiotika ankurbeln sollen. Sicher ist derzeit nur: Zu viele Präbiotika können das Wachstum von gasbildenden Darmbakterien fördern, sagt Bisping. Der Verbraucher handelt sich im Bemühen, seinem Darm etwas Gutes zu tun, unter Umständen Blähungen ein.

Doch längst haben einige Hersteller ein neues lukratives Gesundheitsversprechen gefunden: die laktosefreien Joghurts. Menschen mit Laktoseintoleranz können den Milchzucker (Laktose) schwer verdauen. Produkte, die keine oder kaum mehr Laktose enthalten, sind daher für sie wichtig. Nur: In jedem Joghurt bauen die Milchsäure-Bakterien die Laktose "ganz von allein sehr weit ab", sagt Bisping. Es sind nur noch geringe Mengen enthalten, die viele Betroffene gut vertragen. Die deutlich teureren laktosefreien Joghurts sind für sie gar nicht notwendig.

Wer genau wissen will, wie viel Obst in seinem Fruchjoghurt steckt, kann einfach nachstellen, was die Verbraucherzentrale Hamburg einst probierte. Gießen Sie den Joghurt in ein Sieb, spülen sie ihn unter dem Wasserhahn ab und schauen Sie, was übrig bleibt. Es sind dürre Fasern und erbärmlich wenige Obststückchen, die rein gar nichts mit den prallen Früchten auf den Packungen zu tun haben. (Siehe Fotos)

Legal ist das allemal: Fruchtjoghurt muss nur sechs Prozent Frucht enthalten, das entspricht einer Erdbeere im 150 Gramm-Becher. Steht auf dem Etikett "Joghurt mit Fruchtzubereitung", muss sogar nur 3,5 Prozent echte Frucht im Joghurt enthalten sein. Diese Zubereitung ist ein marmeladenähnliches Gemisch, das zum großen Teil aus Zucker und Bindemitteln besteht. Da mit diesen kläglich kleinen Fruchtstückchen weder Geschmack noch Farbe in den Joghurt kommen, wird nachgeholfen: mit färbenden Lebensmitteln wie Rote-Beete-Saft oder Aromen, sagt Verbraucherschützer Valet. Für die Hersteller ist dies nach Angaben der Hamburger Verbraucherzentrale lukrativ: Mit Himbeeraroma für sechs Cent können 100 Kilogramm Joghurt aromatisiert werden. Echte Himbeeren würden mit rund 30 Euro zu Buche schlagen.

Auf dem Boden dieses 250-Gramm-Bechers finden sich ein paar Obststückchen. Abgebildet sind fünf Erdbeeren und zwei Rhabarber-Stangen.

(Foto: o.H.)

"Erkennen können Verbraucher die Art des Aromas leider nur als Zutatenlisten-Detektiv mit Spezialwissen", kritisiert Foodwatch-Experte Huizinga: Nur wenn im Kleingedruckten "natürliches Erdbeer-Aroma" steht, muss dies tatsächlich aus Erdbeeren stammen, ein "natürliches Aroma" kann hingegen auch aus Holzresten hergestellt werden (Mehr dazu in diesem Überblick).

Allerdings haben Aromen mittlerweile ein so schlechtes Image, dass Hersteller zunehmend darauf verzichten, zumindest aber geringere Mengen zusetzen als noch vor einigen Jahren. Dafür nimmt der Fruchtanteil langsam zu, schreibt Öko-Test. Um die 15 Prozent Frucht enthielten einige Joghurts. Wer mehr bevorzugt, für den liegt die Lösung auf der Hand: "Kaufen Sie Naturjoghurt und schneiden Sie selbst frisches Obst hinein", rät Valet.

Weiterführende Informationen: