Von Markus C. Schulte von Drach

Händchenhalten – das finden wir bei Kindern und Senioren immer noch furchtbar süß. Doch die Generationen dazwischen halten inzwischen offenbar häufiger ihre Mobiltelefone fest, als die Hand des Partners. Dabei ist die Geste gut für unsere Gesundheit.

Händchenhalten

Eigentlich nach wie vor romantisch. (Foto: dpa)

Was für ein nettes Bild ist es doch, wenn die Kleinen oder die Alten Hand in Hand über die Wiese hüpfen oder durch den Park spazieren.

Zwischen jungen Erwachsenen und Partnern in langjährigen Beziehungen sieht man die Geste dagegen – zumindest in der Öffentlichkeit - nicht mehr so oft.

Dabei ist ihre Bedeutung noch immer klar und jedem verständlich: „Ich bin für Dich da“. Sie demonstriert Zugehörigkeit, Zuneigung und Schutz oder soll Trost spenden.

Bei Liebespaaren ist es außerdem natürlich auch ein Signal nach außen: Wir sind zusammen und stehen für andere Interessenten nicht mehr zur Verfügung.

Doch etwas hat sich verändert, seit die Beatles in den 60ern zugaben: „I Want To Hold Your Hand“. Früher war Händchenhalten in der Regel eine der ersten körperlichen Berührungen bevor oder während zwei Menschen zueinander fanden.

Heute dagegen, so glauben Forscher zu beobachten, greifen Partner seltener zur Hand des anderen – und die Bedeutung der Geste ist zugleich gewachsen.

So berichten etwa Studenten der University of Maine, dass Händchenhalten in der Öffentlichkeit inzwischen als störend empfunden wird – es wirkt auf junge Leute offenbar ähnlich wie schamloses Herumknutschen auf unsere Eltern.

Bedeutender als eine Kuss

Auf der anderen Seite demonstriert die Geste offenbar stärker die Tiefe einer Beziehung als zum Beispiel ein Kuss. Heute, so erklärte einer der Studenten der New York Times, ist die Gefahr größer, bei dem Versuch, jemandes Hand zu halten, zurückgewiesen zu werden, als beim Versuch, ihn oder sie zu küssen.

Insgesamt hat die Häufigkeit des Händchenhaltens abgenommen, vermutet Gregory T. Eells von der Cornell Universiy in Ithaca. „Ich sehe mehr Menschen, die Mobiltelefone halten, als Hände“, sagte er der US-Zeitung. „Bis zu einem gewissen Grad tauschen wir echte Beziehungen von Angesicht zu Angesicht, mit Berührungen und Körpersprache, gegen elektronische Beziehungen ein.“

Für unsere Partnerschaften und unsere persönliche Befindlichkeit ist das allerdings nicht unbedingt förderlich. Darauf deuten Beobachtungen einer Reihe von Forschern hin.

So stellte etwa Tiffany Field von der University of Miami fest: „Nach allem, was wir sehen, sind die Beziehungen zwischen Partnern besser, wenn es mehr physische Intimität gibt.“ Intimität, zu der auch das Halten an den Händen gehört.

"Man fühlt sich sicherer"

Wie wichtig die Geste unserer Partner für uns selbst ist, demonstriert etwa eine Studie der University of Virginia:

James Coan beschäftigt sich mit den Auswirkungen, die Berührungen auf unser Nervensystem haben. Der Forscher untersuchte die Reaktionen von 16 Ehefrauen auf die Androhung eines leichten Elektroschocks.

Dabei verglich er mit Hilfe eines Kernspintomographen die Aktivität verschiedener Hirnregionen in Fällen, wo der Ehemann der jeweiligen Versuchsperson ihre Hand hielt, mit Situationen, wo die Frauen auf sich allein gestellt waren.

Wie sich herausstellte, war die Hirnaktivität in Regionen, die mit der Verarbeitung von Schmerzen und negativen Gefühlen zusammenhängen, geringer, wenn die Ehefrau den körperlichen Kontakt zum Mann hatte.

„Mit einem Partner, der einem die Hand hält braucht man nicht mehr so sehr auf Gefahren zu achten und man beginnt, sich sicherer zu fühlen“, erklärte Coan, dessen Studie im Fachjournal Psychological Science erscheinen wird, der New York Times.

„Eine wirklich gute Beziehung kann offenbar sogar vor Schmerzen und Stress-Hormonen schützen, die sich schädlich auf das Immunsystem auswirken können“, berichtet der Forscher.

Für ältere Paare, so vermutet Gregory Eells, ist es vielleicht ein Zeichen für übermäßigen Zeitdruck, wenn sie nicht mehr so oft Händchen halten oder keine Gelegenheit mehr finden für all die anderen kleinen intimen Gesten.

Vor dem Hintergrund der der wissenschaftlichen Erkenntnisse sollten wir uns jedoch wieder bemühen, trotzdem häufiger zur Hand des Partners zu greifen.

Am besten beginnen wir unsere Beziehung also mit den Händen – und dann lassen wir einfach nie mehr los.

Ob es auch der Arbeitsatmosphäre im Büro förderlich ist, wenn sich alle Angestellten und Vorgesetzten am Morgen erstmal an den Händen fassen und zärtliche Blicke tauschen, wagen wir zu bezweifeln. Studien darüber sind uns allerdings nicht bekannt.

(sueddeutsche.de)

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