Selbst die Kirchen haben sich auf die Finanzkrise eingestellt: Besondere Gottesdienste und Sorgenurnen für Banker sollen Trost spenden.
Fast einen Meter hoch ist der Krug, den Pfarrer Jeffery Myers in der Frankfurter Alten Nikolaikirche aufgestellt hat. "Banker, Anleger und andere Besucher" sollen ihre Sorgen auf einen Zettel schreiben und in das Gefäß werfen, weil es schon in den Psalmen heißt: "Gott, sammle meine Tränen in deinen Krug".
Bild vergrößern
Not lehrt beten: Viele Gläubige suchen während der Finanz- krise Trost und Zuflucht bei Gott. (© Foto: ddp)
Anzeige
Die Alte Nikolaikirche am Römerberg liegt in Laufweite des Bankenviertels, viele Banker kommen morgens oder mittags kurz dort vorbei. Die Gottesdienste hält das Pfarrer-Ehepaar Myers auf Deutsch und Englisch, Myers hat sich, bevor er in den USA Pfarrer wurde, in seiner Heimatstadt Kansas als Banker versucht. So sind ihm die Sorgen der Beter nahe, die nun um ihr Geld und um ihren Job fürchten.
Not lehrt beten, das ist eine Grunderfahrung der Kirchen und ihrer Seelsorger, wobei es in Deutschland noch ungewöhnlich ist, den Herrn anzurufen, damit er die Talfahrt des Dax beende und dem Dow Jones neues Leben einhauche.
In England und in den USA sind die Kirchen da lockerer. Auf der Homepage der anglikanischen Church of England kann man den Link "Prayers for Today" anklicken und stößt auf ein Gebet für die gegenwärtige Finanzkrise: "Gott, wir leben in verstörenden Tagen. Banken brechen zusammen, Jobs werden gestrichen, die ohnehin anfällige Sicherheit ist bedroht. Sei ein Turm der Stärke im Treibsand und ein Licht in der Dunkelheit."
Tausendfach werde das Gebet aufgerufen, heißt es auf der Homepage. Auch der Pfarrer der Trinity-Kirche in der Nähe der New Yorker Börse berichtet, dass die Zahl der Beter gestiegen sei, seit die Börsenkurse nach unten trudelten.
Die Kirchen wollen aber nicht nur besorgten Börsianern Trost und verarmten Anlegern Beistand spenden - viele Vertreter sehen sich in ihrer Skepsis gegenüber dem globalen Finanzsystem bestätigt. Papst Benedikt XVI. hat gesagt, dass auf Sand baut, wer "nur auf sichtbare und materielle Dinge aufbaut", und auch beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Genf heißt es: "Die Finanzkrise zeigt, dass ein zügelloser Egoismus und eine schrankenlose Gier nach Profit ins Verderben führen kann."
Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx hat die Regierungen aufgerufen, die Opfer der Finanzkrise nicht im Stich zu lassen. Am 29. Oktober wird Marx sein Buch mit dem programmatischen Titel "Das Kapital" vorstellen. Der Sozialexperte plädiert schon seit längerem für freie, aber dem Sozialen verpflichtete Märkte - die traditionelle Position der katholischen Soziallehre.
Häufig wurden die Kirchen für diese Haltung belächelt, nun dürfen sie sich mit ihrer - gemäßigten - Kapitalismuskritik an der Spitze einer breiten Bewegung sehen. Wobei die Kritik auch dadurch gebremst wird, dass die Kirchen selber Akteure am Finanzmarkt sind.
In den USA haben viele Gemeinden viel Geld verloren. In Deutschland hatte ausgerechnet das von Finanznot gebeutelte Bistum Aachen Geld beim Frankfurter Ableger des insolventen Bankhauses Lehman Brothers angelegt. Es bestehe aber kein Verlustrisiko, betont ein Sprecher.
Und wenn doch, dann bleibt die Weisheit eines Besuchers in der Nikolaikirche: "Mit weniger komme ich auch zurecht", schrieb er auf seinen Zettel.
- Thema
- Finanzkrise RSS
- Briten beten für Börsenaufschwung Der Herr soll's richten 10.10.2008
- Außenansicht Der Markt muss der Gesellschaft dienen 01.10.2008
- Lehman-Pleite trifft Kirche Heiliges Blechle! 22.09.2008
- Regeln für die Wirtschaft Spekulationen auf die Gerechtigkeit 18.09.2008
- Merkel im SZ-Gespräch "Ich gebe Schäuble die Zeit, die er braucht" 15.05.2010
- Autorin Susanne Schmidt Finanzkrise - einfach mal ganz persönlich 09.05.2010
- Angst vor dem Flächenbrand Das Virus ist zurück 09.05.2010
(SZ vom 11.10.2008/ld/jkr)
Moderne Verwaltung