Wut auf Banken "Ich wurde noch nie so mies behandelt"

Britische Banken bekommen Milliarden vom Staat - und drangsalieren trotzdem ihre Kunden. Jetzt wird die Regierung sauer.

Von Andreas Oldag

Elaine und Paul Molloy aus dem englischen Cheshire fühlen sich von ihrer Bank verfolgt. Bis zu sechs Mal am Tag riefen Mitarbeiter der Lloyds Banking Group bei dem jungen Paar an, um Zahlungen anzumahnen.

Das junge Paar war wegen finanzieller Probleme mit den Raten für ihren Hauskredit drei Monate in Verzug geraten. Vorher waren sie jahrelang pünktliche Zahler. "Ich bin noch nie so mies von der Bank behandelt worden", klagte Elaine Molloy in der Sunday Times.

Lästige Plagegeister

Britische Bankkunden beschweren sich immer häufiger über die rüden Methoden von Kreditinstituten. Dabei kommt es nicht selten zu Pöbeleien der Bankmitarbeiter, die fürs Geldeintreiben hohe Provisionen kassieren. Die Beschwerdeflut erreicht die Regierung.

Die sieht es mit Sorge, dass ausgerechnet Kreditinstitute, die in der Finanzkrise mit Milliarden vom Steuerzahler gepäppelt werden, ihre Kunden als lästige Plagegeister ansehen. An Lloyds, die vor kurzem mit der angeschlagenen Halifax Bank of Scotland fusionierte, ist der Staat schon bald mit 77 Prozent beteiligt, an der notleidenden Royal Bank of Scotland schon mit 70 Prozent.

Es geht nicht nur um schlechten Service und Kunden-Mobbing. Firmen klagen, dass sie von den Banken kaum noch Kredite erhalten. Nun muss die britische Notenbank Bank of England einspringen. Sie kauft direkt und im großen Stil Staatsanleihen und andere Anleihen von Geschäftsbanken auf.

Mit dieser "quantitativen Lockerung" der Geldpolitik erhofft sich der oberste Währungshüter eine Wiederbelebung des Kreditgeschäfts. Letztlich wird allerdings der Steuerzahler für diese Transaktionen zur Kasse gebeten. Außerdem ist umstritten, ob die Lockerung der Geldpolitik die Inflation anheizt und so Klein-Sparer trifft.

Kein Zufall, dass Experten Zweifel daran haben, dass die milliardenschweren Banken-Rettungspakete den erhofften wirtschaftlichen Nutzen haben. Seit mehr als einem Jahr greift die britische Regierung Banken unter die Arme. Während sich die direkten staatlichen Kapitalhilfen für die Institute auf 37 Milliarden Pfund (etwa 40 Milliarden Euro) belaufen, addieren sich Bürgschaften für mögliche Ausfälle fauler Wertpapiere und Kredite auf 885 Milliarden Pfund.

Diese Bürgschaften sind eine Art Versicherung, für die der Staat von den Banken eine Gebühr kassiert. Doch im Falle eines Ausfalls steht die öffentliche Hand dafür gerade.

Regierung im Dilemma

Die finanzielle Belastung entspricht im schlimmsten Fall etwa einem Drittel der Wirtschaftskraft des Landes. Das ist zwar weit entfernt von der verzweifelten Lage Islands, wo sich die Verluste von Pleite-Banken auf das zehnfache des isländischen Bruttosozialproduktes türmten.

Doch die Brown-Regierung steckt in einem Dilemma: Einerseits muss sie die Banken dazu anhalten, verlustbringende Geschäftsbereiche abzustoßen und die Sanierung voranzubringen. Die Royal Bank of Scotland (RBS) hat sich bereits einen strikten Sparkurs verordnet und will 9000 ihrer weltweit 180.000 Arbeitsplätze abbauen. Andererseits kann es Labour nicht egal sein, als rücksichtsloser Staatsbanker dazustehen, der dazu beiträgt, Arbeitsplätze in der Branche zu vernichten und darüber hinaus klamme Bürger durch verschärfte Kreditkonditionen in die Pleite treibt.

So haben Premier Gordon Brown und sein Schatzkanzler Alistair Darling vor kurzem bei Banken durchgesetzt, säumigen Hypothekenzahlern eine Frist von bis zu zwei Jahren einzuräumen. Ein Zugeständnis, welches das sozialpolitische Image der Regierung aufpoliert, die Instituten aber teuer zu stehen kommt. Ähnlich wie in den USA sollen die am staatlichen Tropf hängenden Banken nun einem Stresstest unterworfen werden.

Die staatliche Finanzmarktaufsicht will die Geschäftspraktiken von RBS, Lloyds und des Anfang 2008 verstaatlichten Baufinanzierers Northern Rock unter die Lupe nehmen. Dabei könnte sich herausstellen, dass die Institute noch einige Leichen im Keller haben, wie ein Londoner Finanzanalyst meint. Schätzungen der Investmentfirma Sanford Bernstein zufolge belaufen sich etwa die Kreditkartenschulden der Briten auf 45 Milliarden Pfund. Die private Pro-Kopf-Verschuldung beträgt im Schnitt 186 Prozent eines Jahreseinkommens.

Das übertrifft sogar die Amerikaner, deren private Kredite sich auf 142 Prozent eines Jahreseinkommens belaufen. Immer mehr Briten sitzen in der Schuldenfalle, weil sie sich beim Immobilienkauf verspekuliert haben. Nach Angaben der Vereinigung der Baufinanzierer haben 2008 mindestens 40.000 Briten ihr Haus oder ihre Wohnung wegen Zahlungsunfähigkeit verloren.

In diesem Jahr könnte sich diese Zahl auf 100.000 erhöhen. Großbritannien sitze auf einer Zeitbombe privater Bankrotte, warnte die Times. Insofern ist es aus Sicht der Banken ein wenig verständlich, wenn sie versuchen, ihr Geld einzutreiben. Für viel Briten ist es die bittere Erkenntnis, dass sie über ihre Verhältnisse gelebt haben und jetzt die Zeche dafür zahlen.